Jeder weiß, dass Schwalben Glück bringen. Eine Weile lang habe ich gehofft, dass mit den Kühen, die allsommerlich aus dem Tal heraufkommen, um vor unserem Haus zu weiden, auch die Schwalben den Hang heraufziehen würden. Doch den Gefallen tun sie mir nicht: Sie bleiben unten beim Rechenhof. Ich sitze nur ein paar Höhenmeter oberhalb, am Poschenhof, und muss zur Kenntnis nehmen, dass die Mückenzahl hier offenbar nicht mehr ausreicht, um eine Schar Schwalben aufzuziehen. Aber ganz ohne Hilfe von oben mag ich auch nicht sein, deshalb habe mir das so zurechtgelegt, dass bei uns die Bachstelzen das Glück mitbringen, das ich in jedem (Garten-) Jahr gut brauchen kann.

Seit ich denken kann, nisten die Bachstelzen unter den Firstziegeln. Sie kommen so zeitig im Frühjahr aus dem Süden zurück, dass ich mir manchmal Sorgen mache, ob sie wohl genug zu fressen finden. Doch bisher ging es jedes Jahr gut. Wenn die Bachstelze geschäftig vor dem Haus herumtrippelt und, nach Nahrung Ausschau haltend, mit ihren Beinen knickst und mit dem Köpfchen nickt, dass die langen Schwanzfedern nur so auf und ab wippen, dieser Anblick macht mich froh.

Die Bachstelze ist ein eleganter grau-schwarz-weißer Vogel, der schlanker wirkt als etwa die Kohlmeise, die entgegen dem Anschein allerdings ein paar Gramm leichter ist. Die Stelze singt nicht, sie ruft vielmehr; an wen sich ihr Rufen wendet oder welchen Zweck es erfüllt, darüber habe ich zwar schon nachgedacht, bin aber zu keinem Schluss gekommen.

Kürzlich beobachtete ich, wie die Stelze, ich kann Männchen und Weibchen leider nur unter Anleitung in meinen Büchern und immer noch nicht in der Natur unterscheiden, immer wieder um den Rückspiegel unseres Autos herumflog, fast herumwirbelte. Die nicht ganz zehn Zentimeter langen Schwanzfedern spreizten sich und falteten sich wieder zusammen, wie ein Fächer, der sich verselbstständigt hat. Manchmal sah es so aus, als ob sich die Stelze flatternd im Spiegel betrachtete und dann hinter dem Spiegel nachschaute, wo denn der Vogel sei, den sie soeben noch gesehen hatte. Zwischendurch ließ sie sich oben auf dem Spiegel nieder, wo sie sich vielleicht über das Gesehene nachdenkend entleerte, sodass nun der Rückspiegel grau-weiß-schwarz gefleckt ist.

Ich habe mir auch überlegt, ob ein Mückenschwarm um den Rückspiegel schwirrte, sodass sich die Stelze weniger narzisstisch betrachtet als vielmehr ihren Hunger gestillt hat.

Wir Tierfreunde wissen, dass wir unsere Beobachtungen nicht überbewerten dürfen, solange sie nicht jemand von der Universität überprüft hat. Ich bitte deshalb hiermit um aufklärende Zuschriften darüber, ob man auch andernorts narzisstische Stelzen beobachtet hat.

Stefanie Holzer, geb. 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.