BMW zum Beispiel wurde, wie wir wissen, in den 50ern durch eine Art Nothilfefahrzeug gerettet: die Isetta. Doch diese Episode verstellt den Blick darauf, dass Kleinwagen schon damals auch Ausdrucksformen eines ultimativen Luxus waren, der seine höchste Kunstform darin zelebrierte, ostentativ auf den ostentativen Konsum zu verzichten. Eine Reihe berühmter Fotos zeigt den spielerischen Umgang von Prominenten mit dem neuen Angebot für die Motorisierung weniger Begüterter und kleinbürgerlicher Milieus. Das Stichwort lieferten die Italiener: Un po’ snob ma non troppo, Beschreibung einer Art Kleinwagen-Snobismus, amüsant inszeniert mit einem Foto auf einer Münchener Straße, in der Cary Grant aus einer Isetta steigt, 1955. Im selben Jahr zeigen sich auch Curd Jürgens und Stirling Moss auf Auto-Shows, ebenfalls in Isettas.

Der berühmte Fotograf der Prominenz an der Côte d’Azur, Edward Quinn, lieferte 1958 eine bezeichnende Illustration dieses Trends mit dem Schnappschuss einer Szene vor dem Hotel de Paris in Monte Carlo. Das Foto zeigt Loel Guinness und seine Frau in einem Fiat 500 Jolly im Kampf um einen Parkplatz, den der Verleger von Winston Churchills Büchern in den USA, Emery Reeves, mit seinem Rolls Royce angesteuert hatte. Der Jolly, von Ghia am 4. Juli 1957 vorgestellt, ist offen, ohne Türen, mit geflochtenen Sitzbänken, ein frühes Objekt der Individualisierung. Zuvor und gleichzeitig und nachher gab es ähnliche Variationen, den Renault R 4 plein air, von Citroën den 4CV San Remo und Mehari, den Mini Moke und diverse Sonderkarosserien auf der Basis der Fiat-Kleinwagen 500, 600 von Vignale und anderen Karossiers.

In Kalifornien reüssierten die Buggies auf der Käfer-Basis. Die "FAZ" beschrieb diese Fahrzeuge launig als "Badetaschen auf Rädern", die den Traum vom sonnigen Süden verkörperten und sich "in den besten Kreisen" bewegten. "Noch heute wecken sie Erinnerungen an den heißen Strand von Rimini: die Strandwagen. Wirklich gebraucht hat sie keiner - aber spielt das eine Rolle?"

Die heftigste Spreizung zwischen Nutzwert und purer Freizeit erfährt (sich) der Ape Calesso, das Fahrzeug, mit dem Italiens kleine und mittelständische Wirtschaftstreibende in den Nachkriegsjahren sich und ihre Güter bewegen. Das aus dem italienischen Stadtbild nicht wegzudenkende dreirädrige Vehikel wird vom Motorroller-Fa-brikanten Piaggio 1948 vorgestellt und seitdem als Nahverkehrsvehikel, Transportfahrzeug und eben auch als Gepäcktransporter von den Fähren zu den Hotels in Gegenden eingesetzt, die in den 50er Jahren zu den Traumgefilden des luxuriösen Tourismus zählten: Capri, Amalfi, Portofino.

Dort erlebten sie bald ihre Gen-trifizierung, klares Zeugnis jener ostentativen Bescheidenheit, die man sich leisten konnte. Im Jahr 2010, un po’ snob, wurde der kleine Transporter in heftig limitierter Auflage als Elektrofahrzeug angeboten, Ape Calessino Electric Lithium, um 19.900 Euro, für den Weg zurück in die sommerliche Zukunft.

Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.