Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Selbst der "Süddeutschen Zeitung" war es einen ausführlichen Bericht wert: Beim Sportfest der Uni Passau sollten Burschen über Hindernisse und Leitern die Kammer einer Angebeteten erobern. Früher war es ja ein gängiger Brauch, dass ein Liebhaber so in das Zimmer seiner Geliebten gelangen wollte, war es doch verpönt, dass Unverheiratete in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten austauschten.

Doch die Gleichstellungsbeauftragte der Universität Passau sah in der Veranstaltung einen Gesetzesverstoß. Sie legte den Studenten nahe, den Wettkampf abzusagen, weil er die Frau zum Objekt degradiere. Tagelang wurde auf dem Campus über die Frage debattiert: Ist das Fensterln ein Brauchtum oder ein frauenverachtendes Spektakel?

Die Veranstalter, es waren die Sportstudenten der Uni, reagierten enttäuscht. "Wir wollten eigentlich nur einen sportlichen Wettkampf mit kulturellem Hintergrund anbieten." Um den Vorstellungen der Gleichstellungsbeauftragten zu entsprechen, hätten sie auch den Frauen das Fensterln gewähren müssen, und das Objekt der Begierde wären dann die am Fenster stehenden Männer gewesen. Mit Hinweis auf den fehlenden kulturellen Hintergrund eines derartigen Rollentausches sagten sie die als Gaudi gedachte Veranstaltung ab.

Liebe Passauer! So harmlos, wie ihr tut, war das Fensterln gar nicht. Freilich kenne ich all die volkstümlichen Darstellungen, die einen auf der Leiter stehenden Mann zeigen, der eine am Fenster stehende Frau küsst. Aber das waren nur die Präliminarien.

Ich habe vor kurzem dem Innsbrucker Universitätsprofessor Hans Moser bei der Erstellung eines Tiroler Wörterbuchs, erschienen im Haymon Verlag, assistieren dürfen. In Liederbüchern suchte ich passende Belegstellen für typisch tirolerische Wörter - und war erstaunt über die Libertinage der Texte. In einem Lied ist zunächst von einem Verweigerer des Fensterlns die Rede.
"Übers Loaterl, do steig is nit auffi,/
der Gangsteig, der isch ma z’hoch drobn,/
geh is liaber schian langsam, schian leise/
hoach über den almrischen Bodn."

Promiskuitiv wird es in der zweiten Strophe:
"Der erste steht drobn auf der Loater,/
der zwoate steht hinter der Tür, /
der dritte liegt drein als a broater/
und plauscht ihr vom Heiraten vür."

Natürlich treten jetzt die Eltern auf den Plan. Der Vater "schreit um an Steckn", klingt nach Androhung einer körperlichen Misshandlung, die Muatter "schreit gschwind um a Liacht". Typisch repressives Elternverhalten also. Und was macht das Diandl? "Es tuat ’n Buam aufweckn, dass er unter die Bettstatt einikriacht." Er wird also jäh aus dem postkoitalen Schlummer gerissen.

In der letzten Strophe geht es um die Attraktivität der Liebeswerber.
"Der oane geht her übers Wieserl,/
der andre geht her übers Feld,/
der oan isch der schianere a bisserl,/
der andre hat a bissl mehr Geld."

Ob sich das Diandl für Schönheit oder Reichtum entscheidet, bleibt offen.

Die älteste Veröffentlichung dieses Liedes stammt aus dem Jahr 1881. Die sexuelle Revolution wird gemeinhin mit 1968 in Verbindung gebracht. Vielleicht war das altehrwürdige Fensterln gar nicht so reaktionär, wie heute getan wird.