In einem gut sortierten Haushaltsgeschäft äußerte ich den Wunsch nach Bierflöten. Die Verkäuferin sah mich verwundert an und stellte ein Sortiment Biergläser zur Ansicht vor mir auf das Pult. Was ich wollte, war aber nicht dabei, sonst hätte ich Biergläser gesagt. Ob Bierflöten der korrekte Ausdruck war, wusste ich nicht, jedenfalls strebte ich eine Mischung aus Sekt- und Biergläsern an. "So ähnlich wie Sektgläser, aber fürs Bier!", sagte ich und deutete Größe und Form an.

Die Verkäuferin verstand mich erst nach längerem Hin und Her. "Ach, Sie meinen Pilsstangen!" Pilsstangen? Noch nie gehört, aber vielleicht war es ja das, was ich suchte. Meine Bekannten hatten sich zu ihrer Hochzeit "solche Gläser" gewünscht. Von Pilsstangen hatten sie nichts gesagt. "Schlanke Biere wollen schlanke Gläser, deftigere Biere trinkt man aus robusten Gläsern oder aus Tonkrügen", erklärte die Verkäuferin, um ihre Kompetenz unter Beweis zu stellen. Tatsächlich zeigte sie mir dann die richtigen Gläser.

Ich habe inzwischen herausgefunden, dass man auch Bierflöten sagen kann, aber diese sind wahrscheinlich anders geformt als Pilsstangen. Ich gehöre ohnedies eher zu den Weintrinkerinnen, wobei die Gläserkunde auch in dieser Sparte in eine Wissenschaft ausartet. Wie überhaupt die gesamte Konsumwelt eine unüberschaubare Vielfalt an Bezeichnungen hervorgebracht hat, die mich zusehends überfordert. Die Fachwortschätze sind teils wie Fremdsprachen - sogar von den Dingen, die ich in meinem Haushalt habe, kann ich viele nicht exakt benennen.

Ich sah mich weiter im Geschäft um, weniger fasziniert von den Anwendungszecken der Geräte als von den sie bezeichnenden Begriffen: Es gab hier Tubenquetscher, Mikro-Aurawärmkissen, Dosen-Clous, Küchen-Organizer, Knusperbleche, Trinkhalmlöffel, Serviettenketten, Scheiben-Schneider, Vario-Trichter, Glas-Marker, Bananenprofis, Kraftöffner, Pressboys. Mich erfasste dieselbe Auf- und Kaufregung wie in Expeditionsgeschäften, wenn ich mich über Wasserfilter, Travel-Pockets, Marschkompasse, Titanbecher, Outdoor-Messer, Zweiflamm-Kocher, Mehrstoffbrenner, Steigklemmen, Moskitonetze, Sturm-Zündholzer und gefriergetrocknete Lebensmittel beuge. Es klingt alles so lebenswichtig und vernünftig, dass man glaubt, es besitzen zu müssen.

Aber ich stehe nicht nur staunend vor der Ausrüstungsvielfalt des Haushalt-, Sport- und Freizeitsektors, sogar Modekataloge können mich mit ihren ständig neuen Farb- und Formbezeichnungen überraschen und verwirren. Tan, taupe und ecru gehören da noch zu den leichteren Übungen. Von den Bezeichnungs-Finessen des Auto-, Bau- und Handwerkerzubehörs ganz zu schweigen.

Der Wortschatz der deutschen Sprache wird mittlerweile auf 500.000 Wörter geschätzt. Mit den fachsprachlichen Terminologien ergeben sich mehrere Millionen Wörter. Das wäre sogar für Goethe eine zu große Herausforderung.

Irene Prugger, geb. 1959, Schriftstellerin und freischaffende Journalistin, lebt in Mils in Tirol.