Unlängst feierten wir den sechzigsten Geburtstag eines Freundes. In seinem Garten fanden sich an die fünfzig Menschen zusammen, darunter auch der bereits großjährige Nachwuchs unserer Generation. An der Bierbar geriet ich in eine Unterhaltung mit dem etwa zwanzigjährigen Sohn meines Freundes, und wir kamen auf das unerschöpfliche Thema zu sprechen, wie und wo Männer und Frauen einander am ehesten kennen lernen.

"Wie war denn das so in den Siebzigern in der Disco?" fragte mich der junge Mann. Lange her, aber noch in bester Erinnerung: An den Tischen rund um die Tanzfläche waren die Mädchen platziert, wir Burschen saßen unglaublich lässig auf Barhockern, Rücken zum Geschehen, sogen an unserer Marlboro oder Hobby und sondierten en passent die Lage.

Wenn wir unsere Wahl getroffen hatten, sprachen wir uns kurz ab, um Interessenskonflikte zu vermeiden, drückten die Zigaretten aus und setzten uns in Bewegung. Bei der Auserwählten angekommen, hieß es dann "Willst du mit mir tanzen?", was zum Glück meistens bejaht wurde. "Das heißt aber, du hast riskiert, dass sie ablehnt", folgerte der junge Mann. Ganz genau. So etwas war extrem blöd und nagte - zumindest bis zu einem gelungenen Versuch - schwer am mühsam erarbeiteten Selbstbewusstsein.

"Heute läuft das so", klärte er mich auf: "Du schmeißt dich in die Menge und wartest, bis ein Mädel dich antanzt. Und dann musst du den geeigneten Moment erwischen, um ihr die Hand um die Taille zu legen, bevor ein anderer das macht." Klar, das gab’s zu meiner Zeit auch schon: Die extra-forschen Kerle mit dem nonverbalen Einstieg, die allerdings nicht darauf warteten, "angetanzt" zu werden, sondern dies selbst übernahmen. Wie damals generell die Initiative dem männlichen Geschlecht überlassen war, außer ein Discjockey ordnete Damenwahl an.

Als ich gerade glaubte, nun wieder den neusten Stand bezüglich zwangloser zwischenmenschlicher Kontaktaufnahme erreicht zu haben, verriet mir der junge Mann, dass es auch eine Handy-Applikation zu diesem Zweck gibt: Eine Plattform, auf der Paarungswillige beiderlei Geschlechts sich inklusive Foto, Alter und Hobbies registrieren und ersehen können, welche Personen mit ähnlichen Interessen sich im Umkreis von, sagen wir, dreihundert Metern aufhalten. Gefällt einem der oder die Angezeigte, so wischt man das Foto nach rechts, wenn nicht, dann links - oder war es umgekehrt? -, und wenn beide einander kennenlernenswert finden, ist dies auf dem Display ersichtlich. Besonders komisch sei es, wenn man das in der Bahn tue und der oder die Auserwählte sitze genau gegenüber.

Ich darf gar nicht daran denken, dass früher Männer und Frauen einander im Zugabteil noch "angesprochen" haben oder im Café fragten, ob sie sich "dazusetzen" können. Das sei heute ein absolutes No-Go, beschied mir mein junger Bekannter. "Eigentlich schade", sagte er schließlich. So wie damals, das müsse irgendwie spannender gewesen sein. Das stimmt.

Hans-Paul Nosko ist Journalist und lebt in Wien.