Irgendwie habe ich das Gefühl, die Logik der Moderne entwickelt sich nicht gerade in übersichtlichen Bahnen. Nachdem man nun - im Endeffekt ergebnislos - versucht hat, durch Digitalisierung den Papierbedarf beim Drucken einzuschränken (think before you print!), kommt nun der dreidimensionale Druck als Revolution 4.0 oder so ähnlich verheißungsvoll daher. Man weiß ja ohnehin nicht mehr, wo wir zahlenmäßig gerade stehen. All die, die immer schon alles entdeckt haben, wie Jeremy Rifkin (Wasserstoff-Revolution, Ende der Arbeit, Kooperative Allmende, Sharing Economy, Ende des Industriezeitalters usw.), predigen jetzt den 3D-Druck als nächste (dann doch wieder) industrielle Revolution. Jeder könne nun Produzent werden. Jeder, lässt sich Rifkin zusammenfassen, sei seines Glückes Drucker.

Lassen wir einmal Fragen beiseite wie jene, wer haftet, wenn jemand mit seinem Auto aus selbstgedruckten Ersatzteilen mitten auf der Autobahn kollabiert (Materialfehler? Druckereinstellung? Falsch bemessener Klebstoff?). Und bleiben wir bei der Kreativität der Sharing Economy, in der man ja nicht nur gern teilt, sondern noch lieber auch verteilt. Vor allem wenn es um wichtige öffentliche oder private Jubiläen geht, runde Geburtstage, Muttertage - oder eine ganz normale Einladung zu einem sommerlichen Abend bei Freunden - all das inspiriert nun zum Druck.

Meine Prognose: Es wird furchtbar. 3D-Druck wird die Laubsägearbeit des 21. Jahrhunderts. Er ersetzt zudem die eingekochte, mit exotischen Alkoholika aromatisierte Konfitüre als Geschenk. Dreidimensionale Fantasmen von Kreativen und denen, die sich dafür halten, werden inflationär verbreitet, und alles, was misslingt, also irgendwie fadenartig oder quallig aus dem Drucker dringt, kann immer noch nachträglich als Hommage an Giacometti oder Botero oder als experimenteller Expressionismus etikettiert werden. Wobei, falls Sie ein Faible für Wortspiele pflegen, man im Wort Expressionismus eine ganz neue künstlerische Qualität entdecken kann.

Wer übrigens glaubt, das Zeitalter der selbstgemachten Lebensmittel als Mitbringsel zu privaten Anlässen sei endgültig vorüber, irrt. Italienische Unternehmen arbeiten schon an Nudelmaschinen, mit denen sich individuelle Vorstellungen des Pasta-Designs realisieren lassen. Um das Produkt, das im selbstgedruckten Behältnis verabreicht wird, auch in angemessen individualisierter Form zu gestalten, sind natürlich jede Menge Probedrucke nötig. Das heißt: nicht nur haben wir kein papierloses Büro, sondern jetzt auch noch haufenweise Prototypen, die entsorgt werden müssen. Demnächst steht also neben den Behältnissen für Bio-, Glas- und Papierabfälle auch noch eins für die Entsorgung von 3D-Drucken. Auch für Erzeugnisse, die als Geschenke nicht so angekommen sind und gleich in die Tonne wandern. Und das sind die meisten, wie wir aus der Erfahrung der Geschenkewelt 1.0 wissen.

Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.