"Lasst mich nur auf meinem Sattel gelten! Bleibt in euern Hütten, euern Zelten! Und ich reite froh in alle Ferne, über meiner Mütze nur die Sterne."

So beschreibt Johann Wolfgang von Goethe die Reiselust und reimt darin einen wichtigen Grundsatz, der heute Geltung hat wie damals: Reiten ist fein, Übernachten - insbesondere im Zelt - armselig und übel. Ich weiß, wovon ich spreche. Bin ich doch gerade von einer dreiwöchigen Radreise zurückgekehrt, die über 2000 Kilometer von Wien an den Rhein und nordwärts bis nach Holland führte. In einem weiten Bogen radelten wir von Arneim nach Haarlem bei Amsterdam und von dort durchs ganze Land. Mit Rückenwind flogen wir über den Afsluitdijk, den 30 Kilometer langen Deich, der die Provinzen Nordholland und Friesland verbindet. Vorbei an Windmühlen, Zugbrücken, braunen und schwarzweißen Kühen gelangten wir bis in die Universitätsstadt Groningen.

Die stete Bewegung und das Gefühl, jeden Kilometer Strecke aus eigener Kraft zu erarbeiten, machen so eine Radreise zum Genuss. Der Kopf wird dabei leicht und die Gedanken des Alltags weichen elementaren Bedürfnissen: Wo schmerzt es mich? Bin ich durstig? Ist genug Luft im Reifen?

Alles in allem ein Traum. Wäre da nicht die Sache mit dem Kampieren. Zwar ginge es auch elegant und teuer von Hotel zu Hotel. Dem haftete allerdings der Geruch des Verzärtelten, des Schönwetterradelns an. Es muss also ein Zelt her. In unserem Fall: ein dreieinhalb Kilogramm schwerer Kunststoff-Schlauch, in dem zwei erwachsene Menschen, die einander gewogen sind, schmiegend liegen können.

Als ob hundert Kilometer Radeln jeden Tag nicht genug Anstrengung wären, heißt es dann Abend für Abend: Zelt aufstellen, Luftmatratzen aufpumpen, Schlafsäcke ausrollen. Dies in einem Zustand massiver Unterzuckerung. Ein Test für die Contenance. Wären nicht die Beine schwer und das Sitzfleisch wund. Flugs hätte man sich wieder aufgemacht, um weiter unter die Sterne zu reiten.

Mit den Sternen ist es allerdings so eine Sache. Hier wird bemerkbar, wie idealistisch der Dichterfürst war. Ob er unter Regenwolken, mit nasser Mütze und klammen Fingern der Reiselust dasselbe Hohelied gesungen hätte?

Doch alles ist besser, als vom Unwetter im Zelt erwischt zu werden. Der Sturm bringt den Unterschlupf zum Flattern. Die Tropfen trommeln zu laut zum Schlafen. Das Herausschlüpfen aus der feuchten Zeltröhre: Als würde man in eine perspektivenlose Zukunft geboren. Nach dem Abbauen ist der Bart tropfnass.

Dennoch behält Goethe auch in diesem dunklen Moment Recht. Während die Dauercamper in ihren Vorzelten sitzen, machen sich beide Radvagabunden fröstelnd in die Ferne auf. Sie werden bald die Mühen des Kampierens vergessen haben. Denn irgendwann wird alles gut. Und trocken.

Matthias G. Bernold, geb.1975, lebt als Journalist in Wien.