Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Das Jugendwort des Jahres ist eine Initiative der Langenscheidt GmbH & Co. KG in Kooperation mit der Zeitschrift "Bravo" und einigen anderen Medien. Seit 2008 werden Deutschlands Jugendliche dazu aufgerufen, per E-Mail ihr Lieblingswort einzureichen.

Auf Platz eins der Einreichungen stand dieses Mal der Ausdruck Alpha-Kevin für den Dümmsten aller Dummen. Doch die Jury disqualifizierte das Wort und begründete ihre Entscheidung so: "Wir bei Langenscheidt sehen es als unsere Aufgabe, ein Spiegel der Sprache zu sein - ohne Wertung. Zum ersten Mal nehmen wir einen Begriff aus der Liste der Top 30 Jugendwörter des Jahres. Wir haben viel von euch gehört und spüren die persönliche Betroffenheit über die Auswahl von Alpha-Kevin. Es lag uns fern, konkrete Personen zu diskriminieren."

Einige Medien haben über diese Entscheidung berichtet. Ich freue mich, dass nun jeder sieht, wie solche "Wahlen" ablaufen. Egal, ob sie ein Verlag veranstaltet oder, wie in Österreich, eine kleine Gruppe von Wissenschaftern, die Modalitäten sind dieselben: Es beginnt damit, dass die Jugendlichen aufgefordert werden, per Internet ein Wort einzuschicken. Dann tritt eine Jury zusammen und trifft eine sogenannte Vor-Auswahl. Über deren Wortliste dürfen dann die User endgültig abstimmen. Am Ende wird dann so getan, als ob dadurch ein Abbild der sprachlichen Wirklichkeit entstünde.

Aber davon kann keine Rede sein. Viele jugendliche Einsender erfinden Wörter fern der sprachlichen Realität, sie wollen originell sein. In Deutschland stehen beispielsweise Earthporn (schöne Landschaft), Swaggetarier (Person, die nur aus Image-Gründen vegetarisch lebt) und Augentinnitus (das unangenehme Gefühl von dummen Menschen umgeben zu sein) zur Wahl. Derartige Retortenwörter haben keine Chance, in den allgemeinen Sprachgebrauch der Jugendlichen zu gelangen. Oder es sind Allerweltswörter, die ohnedies schon zum allgemeinen Sprachgebrauch gehören wie beispielsweise Selfie - es wurde 2014 zum österreichischen Jugendwort gekürt.

Ein weiteres Problem ist die Manipulation der Internet-Wahl über soziale Netzwerke. Im Jahr 2010 wurde Kabinenparty zum österreichischen Jugendwort erklärt. Es stammt aus einem österreichischen Hip-Hop-Lied mit der Textzeile: "Die anen foahrn nach Ibiza/die andren nach Udine./Wir bleiben im Parkbad, / machen Party in Kabine."

Damals war auf Facebook eine Initiative "Wir manipulieren die Charts - ,Kabinenparty‘ als Nummer-Eins-Hit" aktiv. Deshalb wurde ein Musikvideo auf YouTube millionenfach abgerufen und die Single-CD kam auf Platz vier in den österreichischen Charts. Naiv, wer glaubt, dass Kabinenparty rein zufällig zum Jugendwort des Jahres 2014 gewählt wurde.

Um der Manipulation durch Netzwerke entgegenzuwirken, hat Langenscheidt ein probates Mittel gefunden. Man manipuliert selbst. Und das nicht zum ersten Mal. Im Jahr 2014 belegte das Verb fappieren (masturbieren) in der endgültigen Votingphase Platz eins. Stattdessen wurde "Läuft bei dir" (Du bist großartig) zum Wort des Jahres erklärt - weil offensichtlich ein Ausdruck aus dem Bereich der Sexualität nicht gewinnen darf.