Als vor Jahren eine Kalbin tot auf der Wiese vor unserem Haus lag, sagte der Tierarzt, das Tier sei wegen der Herbstzeitlosen verendet, die am Ostrand der Wiese üppig wachsen. Natürlich hat der Tierarzt den Kadaver nicht obduziert. Die Diagnose erfolgte nach Augenschein.

Der Bauer pflügte jedenfalls die Wiese um, doch die Zwiebeln der Herbstzeitlose sind so tief im Boden, dass er kaum eine erwischte. Als das Gras wieder wuchs, zeigten sich auch die Herbstzeitlosen wieder. Nicht nur hatte die ganze Arbeit nichts genützt, zu allem Überfluss lachte ihn noch sein Schwiegervater aus. Denn der sagte, es gebe keine Kuh, die nicht wüsste, welche Pflanzen sie gefahrlos fressen könne und welche nicht. Und sollte die eine Kalbin dies tatsächlich nicht gewusst haben, dann sei nicht schade um sie, sie sei sowieso zu blöd gewesen.

An diese Geschichte musste ich denken, als ich kürzlich unsere Hühner beim Weiden beobachtete. Wir haben unser Haus vergrößert und einen Stadel gebaut, deshalb ist der ganze Vorplatz eine Wüstenei. Mit dem Schubkarren habe ich, um die Fläche zu nützen, bis im Herbst der Rasen gesät wird, Kompost geholt und am Böschungsrand Kürbisse gesät. Nun gedeihen Hokkaidos, Butternuts und Gelbe Zentner üppig, auch die im Kompost angeschleppten Samen lassen sich diesen Sommer gefallen. Amaranthsorten, Baumspinat, Melden und was-weiß-ich sind schon einen halben Meter hoch. Dazwischen sind auch Samen von Stechapfel, die ich vor 15 Jahren aus Grein an der Donau mitgebracht habe, und dann noch Samen der hübschen Giftbeere oder Nicandra. Überall dort, wo kein Zaun unsere Hühner daran hindert, fressen sie bevorzugt und gierig die Amaranthblätter ab. Die Melde und der Baumspinat bleiben solange ungeschoren; dann und wann wird ihnen wie zum Kosten ein Schnabel voll herausgerissen, doch Stechapfel und Giftbeere wachsen gänzlich unbehelligt. Keine meiner Hennen hat je eine der beiden Pflanzen bezupft. Diese Arbeit bleibt mir.

Unsere Hühner haben in ihrem bisherigen Leben weder mit Stechapfel noch mit Giftbeere Erfahrungen gemacht, die beiden wuchsen in meinem für Hühner nicht zugänglichen Blumenbeet im Gemüsegarten auf. Hühner wissen also von sich aus, dass diese Pflanzen giftig sind. Der Bauer nennt diese Fähigkeit, Dinge zu wissen, die einem niemand gesagt oder gezeigt hat, Instinkt. Mir scheint, dieses Wort ist nur eine beruhigende Hülle für ein großes Geheimnis. Die Hülle erklärt nichts, sie deckt das Geheimnis nur zu. Wenn es zugedeckt ist, machen wir uns keine Gedanken. Das ist schade, denn es wäre ungemein interessant zu erfahren, woher die uns umgebenden Tiere all das wissen, was sie für ihr Leben wissen müssen. Von der Mama lernt das moderne Huhn nur bedingt, denn heutzutage ist Maschinenbrut angesagt.

Stefanie Holzer, geb. 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.