Weil nun jeder davon redet, dass die Social Media die tollsten Kanäle bieten, auf denen man leicht schiffbar das Publikum - respektive den Kunden - erreicht, habe ich mich, immer im Bestreben, dem Zeitgeist zu entsprechen, etwas näher mit der Sache beschäftigt. also mit diesen Social Media, auch Web 2.0 genannt oder wie auch immer. Dort, so erfährt man, wese der "Prosumer", unberechenbar und hinterlistig in das ansonsten doch so schön geplante Konsumgeschehen eingreifend.

So richtig in freier Wildbahn hat ihn noch keiner gesehen, er ist wohl so etwas wie ein Yeti, von dem es ja auch nur wenige und zudem verwackelte Fotos gibt. Dabei hat der Prosumer, so wie der Yeti, schon ein paar Jahre auf dem schemenhaften Buckel: Seinen ersten Auftritt hatte er 1980, auf Seite 11 des zweiten Buches von Alvin Toffler, "The Third Wave". Toffler war zehn Jahre zuvor mit seinem eindrucksvoll auf gut 700 Seiten inszenierten "Future Shock" zu globaler Berühmtheit gelangt. Der sitzt uns immer noch in den Knochen, genau wie dieser mittlerweile auch in Deutschland eingebürgerte untote Schreckensgeist, der Prosument. Wie lange das alles auch her ist, wir wissen immer noch nicht, wie er aussieht.

Nur dass er sich jetzt in den New Territories der Social Media herumtreibt, auf jenen Seiten also, auf denen sich meist junge Leute virtuell zuprosten, indem sie Alltägliches austauschen, so wie man das früher an der Theke tat. Demnach ist der Prosumer ein ambitionierter Partygänger, dem alles gefällt, vor allem belanglose Filmchen von schielenden Katzen und schlecht geschorenen Pudeln oder Videos, wie sie auf den Mega-Lowbrow-TV-Kanälen unter dem Titel "Pleiten, Pech und Pannen" laufen. Was den Konsum angeht, wird hauptsächlich über Adressen von Factory Outlets gepostet und wie man irgendetwas, das heißt eigentlich alles, billiger bekommen kann. Das soll der Geist sein, der stets verneint und kaum noch zu erreichen ist?

Nun ist es ja nicht ausgemacht, dass das scheue Wesen sich gerade dort bewegt, wo es den größten Tumult gibt. Immerhin, die einschlägigen Webanalysten verzeichnen zurzeit rund eine Milliarde Sites weltweit mit arg zunehmender Tendenz, da könnte er irgendwo versteckt sein. Das ist nicht so ganz übersichtlich. Aber es gibt Hilfe: Metawebsites, mit denen man wie weiland Stanley, der Livingstone suchte, Pfade in den nun virtuellen Dschungel schlagen kann. Und das sind nicht so viele, zumindest nicht, wenn man es relativ nimmt. Der Socialmediaexaminer bietet gerade einmal 720 Lösungen an, wie man die Auftritte auf Facebook optimieren könnte, und dieselbe Zahl für Twitter oder google+. Ansonsten sind es kaum mehr als 350 oder 400 Anbieter, die einige 10.000 Tools anbieten, um Erfolgsquoten im Web 2.0 zu steigern. Auf geht’s also, ich werde den Spuren folgen, und wenn ich ihn dann in 10, 12 Jahren gefunden haben werde ("The Prosumer, I presume?"), melde ich mich wieder in dieser Angelegenheit.

Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.