Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. - © Daniel Novotny
Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. - © Daniel Novotny

Seit Wochen sehen wir sie - die Bilder vom Flüchtlingselend. Die Reportagen und Berichte. Aber was bewirken sie, diese Bilder? Jene, die sie im Umlauf bringen, handeln meist nach bestem journalistischem Wissen und Gewissen. Ihre Wirkung aber wird von der Situation bestimmt.

Und diese Situation ist auf einen einfachen Nenner zu bringen: Wir erleben die Produktion eines Ausnahmezustands. Anders gesagt: Dieser geschieht nicht einfach. Er wird vielmehr hergestellt. Ob es sich dabei um eine gewollte Herstellung von Chaos (also ein absichtliches, intendiertes, zielgerichtetes Handeln zum Zweck der Abschreckung weiterer Flüchtlinge) handelt oder ob es "nur" die Folge von Unfähigkeit ist - diese Frage ist in einem gewissen Sinn sekundär. Denn in jedem Fall handelt es sich um ein massives Versagen der Politik: Die Politik (allen voran die zuständige Ministerin) versagt in administrativer, organisatorischer und sie versagt in politischer Hinsicht. Der Kern dabei ist, dass dieses Versagen in keinem Fall ein "unschuldiges" ist: Wäre es ein gewolltes Versagen, wäre es ebenso Ausdruck einer Unfähigkeit im Umgang mit der Situation, wie die Unfähigkeit Ausdruck eines Willens wäre (bzw. des Nicht-Willens zur Lösung).

Warum hat dann die Flüchtlingsbetreuung zu anderen Zeiten, etwa in der Bosnienkrise, reibungslos funktioniert? Warum ist so ein pragmatischer Umgang heute nicht möglich? Die Frage enthält schon die Antwort: Weil es heute eben nicht um reine Pragmatik geht. Heute steht der Umgang mit den Flüchtlingen im Zeichen einer Stimmungsmache. Das verhindert pragmatische Lösungen. Mehr noch: Das organisatorische Versagen entspricht einer "gelungenen" Produktion von Anti-Flüchtlingsstimmung. Seitens mancher Medien. Und seitens der Politik. Und nicht nur jener, für
die das ihre einzige politische Agenda ist. Auch das späte, sehr späte Durchgriffsrecht reicht nicht aus. Ebenso wenig wie der Lokalaugenschein der Staatsspitzen im Lager Traiskirchen. Was fehlt, ist eine klare, nachdrückliche und positive Stellungnahme der Regierung in Bezug auf die Flüchtlinge und deren Menschenrechte. Solange solch eine Stellungnahme fehlt, haben die Produktion und Zirkulation von Elendsbildern einen widersprüchlichen Effekt.

Zum einen rütteln sie natürlich jene wach, die helfen wollen, und erzeugen eine angemessene Empörung. Zum anderen aber sollte man nicht unterschätzen, wie sehr die Strategie greift, die Strategie von Notfallproduktion und Stimmungsmache. Die Strategie, die die Gleichung herstellt: Fremde = Chaos = muss abgewehrt werden. Diese Strategie konstruiert unterschwellig zwei Realitäten: die der Flüchtlinge und die "unsere", die nichts miteinander zu tun haben und haben sollen. Als ob es sich um zwei Welten handelt, zwei Ungleichzeitigkeiten, die in einem unglücklichen Moment aufeinander treffen.

Auf dieser Grundlage werden die Bilder des Elends zum Bumerang: je schlimmer die Zustände, desto höher die Abwehr. Aber die Realität der "Normalität" und die Realität der Flucht sind nicht zwei Realitäten, sondern eine. Genau das besagt ja der Appell an die Humanität. Diese ist nämlich nur eine. Die Konstruktion von zwei getrennten Wirklichkeiten aber macht etwas mit der Gesellschaft. Sie verändert deren Moral.