Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Wenn die Herrschenden dieser Welt wiedermal keine Ahnung haben, was man tun soll, keinen blassen Schimmer, wie mit einer Situation umzugehen ist, oder von einem Problem völlig überfordert sind, dann machen sie seit Jahrhunderten immer dasselbe: Sie bauen Mauern.

Das ist gut und schön und lehrreich. Denn so können sich noch ein- oder zweitausend Jahre später Menschen an den zu Touristenattraktionen gewordenen Denkmälern menschlicher Fantasielosigkeit erfreuen. Ob Chinesische Mauer, der Limes, der Hadrianswall oder die Berliner Mauer, all ihre Reste geben beredt darüber Auskunft, dass Mauern zwar gerne pompös errichtet, am Ende jedoch nur eines sind: ein Akt der Hilflosigkeit. Und nutzlos.

Aber da das 21. Jahrhundert entschieden hat, möglichst viele Fehler der Vergangenheit zu wiederholen, um nicht nur als Zeit der digitalen Demenz (Nasenbohren? Wart’, ich google das mal!), des Tourette-Tinnitus (alle quatschen, aber keiner kann zuhören), sondern auch als Zeitalter der "Internationalen Blödheit innerhalb nationaler Idiotie" (IBinI) in die Geschichte einzugehen, werden also wieder Mauern gebaut. Vor allem konservative Politiker (Netanjahu), rechtspopulistische Ego-Shooter (Trump) und rechtsrechte Westentaschendiktatoren (Orban) präsentieren ihre Mauer & Zaun gewordene Hilflosigkeit als Ultima Ratio.

Dieser internationale Trend zur Engstirnigkeit macht natürlich auch nicht vor Österreich halt. So hat der erfolgreichste Auslandsösterreicher seit Arnold Schwarzenegger und Adolf Schicklgruber, Frank Stronach, bereits mit dem Gedanken gespielt, eine Mauer rund um den Parlamentsclub seines Teams errichten zu lassen. Schließlich müssten die Werte Wahrheit, Transparenz und Fairness geschützt werden. Und obendrein wären ihm schon so viele davongelaufen, die ihm noch Geld schuldeten.

Diese Idee blieb nicht unbemerkt und auch der charismatische und allseits beliebte Chef der Wiener ÖVP, der... äh... Dings, möchte eine ähnliche Initiative starten und die ÖVP-Fraktion im Wiener Stadtparlament vor Bewegungsdrang schützen. Allerdings noch vor der Wien-Wahl, wie er meint, da so ein Wall gegen wilden Mandatarwechsel allein doch recht mühsam zu errichten sei.

Und auch die SPÖ überlegt, Zäune einzusetzen, um politische Beweglichkeit zu verhindern. Allerdings nicht bei ihren Mandataren, sondern bei ihren Wählern.

Weitere Überlegungen zur Einzäunung gibt es bei den Wiener Grünen: Ein historischer Technologiepark am Rinterzelt, wo sich Autofahrer in ihren technisch und ökologisch anachronistischen Fahrgestellen treffen können und zum Gaudium der Touristen ein paar Runden drehen können, sei angedacht.

Und während den Neos ein Zaun zwischen Besitzenden und Nicht-Besitzenden vorschwebt, macht die FPÖ wohl den prägnantesten Vorschlag: Um alle Wiener vor dem schädlichen Einfluss linkslinken Gedankenguts für alle Zeiten zu schützen, verspricht St.Rache, wenn er Bürgermeister werde, alle echten Wiener, einer irreversiblen, medizinischen Trennung zwischen rechter und linker Gehirnhälfte zu unterziehen.

Und so zeigt sich, dass all die Zäune, Wälle oder Mauern eigentlich auf ein viel kleineres, mentales Hindernis hinweißen, sozusagen ein Cerebral-Material-Dilemma der Verantwortlichen: das eigene Brett vorm Kopf.