Immer wieder gibt es Umfragen dazu, ob Schönheit im Leben nützlich sei. Meist kommt heraus, dass es die Schönen punktuell leichter haben. Wenn ich mir etwas aussuchen könnte, dann würde ich mir dennoch statt der Schönheit, die ja doch zu erheblichen Teilen im Auge des Betrachters liegt und überdies eine ungünstige Halbwertszeit aufweist, lieber gute Nerven wünschen.

Wir bauen gerade ein Haus. Der ideale Häuslbauer ist einer, der Nerven wie Drahtseile hat. Heute kam etwa der Gerüstbauer und baute ohne viel Federlesen das Gerüst ab, das der Rollo-Mensch "zeitnah" dazu benutzen wollte, um den Sonnenschutz zu befestigen. Der Rollo-Mensch hatte einige Teile nicht richtig bestellt, also verschob sich sein Einsatz um die Dauer, die es brauchte, bis die Teile nachgeschickt würden. Der Gerüstbauer meinte achselzuckend, übersehen sei auch verspielt.

Ich habe keine gute Nerven, sprang also auf und fragte leicht hysterisch im Ton, ob das mit dem Architekten abgesprochen sei. Dann rief ich meinen Mann an, was ich immer tue, wenn ich weder ein noch aus weiß. Die Herren genossen sichtlich meine Aufregung, die angesichts ihrer ruhigen Entschlossenheit auch bald wieder abebbte. Was soll unsereiner tun, wenn die einfach tun, was sie tun?

Der eine sagt, es muss ein Loch sein in der Decke. Also kommt der nächste mit der Motorsäge und schneidet das Loch - zu groß. Also muss man den dritten bitten, das Loch mit Leisten oder dergleichen wieder zuzumachen. Der sagt, das könne er schon machen, nur würde er gern wissen, wozu man das Loch überhaupt gemacht habe. Dazwischen steht der Häuslbauer und denkt, er wird wahnsinnig.

Dabei hatte ich gedacht, ich wäre dem Bauen gewachsen. Immerhin habe ich die Nerven bewahrt, als zu Baubeginn der Bagger einen 50 Jahre alten Buchsbaum nicht, wie verlangt, versetzt, sondern brutal zermerschert hat. Doch der häufige Umgang mit sogenannten Gewerken hat mir klar gemacht, warum die meisten Menschen maximal einmal im Leben ein Haus bauen. Ich gehöre zu der Sorte Mensch, die das Wort "Gewerk" nicht im aktiven Sprachgebrauch hat. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, auch in meinem passiven Sprachschatz war das Wort mit Spinnweben versiegelt. Und mein Verständnis von den einzelnen Bauvorgängen ist eingeschränkt.

Nun, da das Haus so weit gediehen ist, dass wir Zettel mit der Bitte aufhängen, man möge nicht mit erdigen Schuhen über die frisch geölten Holzböden rennen, kann ich das Ende der Bauerei kaum erwarten. Ich brauche Ruhe. Wenn ich die erst wieder habe, wer weiß, vielleicht erholt sich auch mein Äußeres so weit, dass mir mitfühlende Bekannte nicht dauernd sagen, wie müde ich aussehe.