Irene Prugger, geb. 1959 in Hall, lebt als Autorin und freie Journalistin in Mils in Tirol. Foto: Defner
Irene Prugger, geb. 1959 in Hall, lebt als Autorin und freie Journalistin in Mils in Tirol. Foto: Defner

Was ist eigentlich aus der guten alten Selbstverwirklichung geworden? Dass man kaum noch etwas von ihr hört? Leidet sie an Wirklichkeitsschwund oder am schwierig zu definierenden Selbst? An der geforderten und oft überforderten Selbst-Ständigkeit des Ego, das sich selbst und ständig unter Beweis stellen muss?

Keine Sorge, es gibt bereits Ersatz: An die Stelle der Selbstverwirklichung ist die Selbstoptimierung getreten. Diese stellt offenbar weniger komplizierte Anforderungen. Bei der Selbstverwirklichung ist man als ganzer Mensch gefragt, muss immer in sich hinein hören und zumindest vor sich selbst Rechenschaft über den Sinn seiner Existenz und Bestimmung ablegen. Bei der Selbstoptimierung muss man bloß die Anforderungen kennen, die das zeitgemäße Leben - die Wirtschaftswelt - stellt, um das "Ich" entsprechend zurechtschneidern zu können.

Wie Konrad Paul Liessmann u.a. beim diesjährigen Philosophicum Lech richtig anmerkte, steckt hinter dem Aufruf zur Selbstoptimierung leider nicht die liberale Idee, dass jeder so sein könne wie er möchte, sondern vielmehr der Druck, sich noch stärker an vorgegebene Normen anzupassen und so zu sein, wie ein schöner, leistungsfähiger, trainierter, belastbarer Mensch nach den derzeitigen Idealvorstellungen zu sein hat.

Nicht zuletzt lässt sich der moderne Mensch gerne mit unterschiedlichen Psychotechniken und Therapien auf "Normalität" und Norm zurechtbiegen. Deshalb ist das soeben neu erschienene Buch des deutschen Journalisten und Psychologen Jens Bergmann, "Der Tanz ums Ich - Risiken und Nebenwirkungen der Psychologie", eine interessante Ergänzung zur Selbstoptimierungs-Diskus- sion. Er legt dabei die Psychologie und Psychotherapie selbst auf die Couch und spannt einen interessanten Entwicklungsbogen von Sigmund Freud und William Stern bis in die heutige Zeit. Die Arbeit an sich selbst wurde ja bereits in den 1960er Jahren mit der "Psychowelle" sozusagen zur Pflicht, die nicht bloß Ausdruck der Angst war, nicht in Ordnung zu sein, sondern diese zum Teil auch erzeugte. Jens Bergmann: "Nebenbei weiteten die Verfechter der Humanistischen Psychologie ihr Betätigungsfeld maximal aus, da persönliches Wachstum ja im Interesse von jedermann sein müsse. So bot man konsequenterweise Psychotherapie für Gesunde an - von denen sich manche danach allerdings nicht mehr wirklich wohlfühlten."

Im Buch mangelt es auch nicht an Beispielen aus der übrigen Selbstoptimierungs-Industrie. Erzählt wird zum Beispiel folgende Geschichte: Bei einem Schönheitswettbewerb in Südkorea stellte die Jury fest, dass alle Frauen, die in die Endrunde gekommen waren, gleich aussahen, weil sich alle für dasselbe Schönheitsideal chirurgisch optimiert hatten. Aber eben: Sie kamen in die Endrunde! Da sollte sich die Jury wohl selber an die (uniformen) Nasen fassen.