Es war unlängst im Flugzeug, kurz vor dem Start. Ich suchte gerade meinen Platz, als mir eine Geschichte einfiel, die vor einiger Zeit in der "Kronenzeitung" zu lesen war: Im Rahmen einer Studie hatte die deutsche "Bild" angeblich erhoben, welche Eigenschaften man von den Mitreisenden auf einem Flug erwarten dürfe. Unter 100 Personen befanden sich demnach unter anderen fünf Analphabeten, aber auch sieben Menschen mit Uni-Abschluss; sechs würden keine Unterwäsche tragen und je zwei weitere ernährten sich angeblich vegetarisch beziehungsweise seien echte Rothaarige.

Da macht man sich natürlich so seine Gedanken. Besonders, wenn man, wie ich mittlerweile, alleine in einer Reihe sitzt. Bekomme ich jetzt jemand völlig Unmusikalischen neben mich oder doch den einzigen Psychopathen an Bord? Wird es etwa eine rothaarige Frau oder eine mit grünen Augen sein, oder eine mit sowohl als auch? Oder eher der Ex-Häftling? Statistisch gesehen hatte ich laut "Bild"- Studie eine Fünfzigprozentchance, jemanden aus den Kategorien Hat-schon-mal-den-Partner-betrogen (22), lesbisch/schwul/bisexuell (15), Hat-seit-drei-Tagen-nicht geduscht (12) und Kann-sich-am-eigenen-Ellenbogen-lecken (1) zu erwischen.

Ich blickte in die Runde, ob irgendjemand mit etwaigen Besonderheiten auszumachen war. Mit etwas Glück hatte sich das dreckige Dutzend der Nicht-Duscher ja schon irgendwo weit weg niedergelassen. Dem Rest der illustren Schar sah ich ziemlich entspannt entgegen.

Da war also ein paar Reihen vor mir eine Österreicherin, die ihren Vordermann in gebrochenem Englisch bat, sich nicht so oft und vor allem so stark in die offensichtlich ramponierte Rückenlehne zu werfen: rote Haare, aber gefärbt; hinter mir ein männliches Fashion-Victim Mitte dreißig mit kahlgeschorenem Schädel und akkurat rasiertem Bärtchen rund um den Mund, das Hemd drei Knöpfe weit offen und eben dort eine verspiegelte Sonnenbrille eingehängt: etwas auffällig, aber doch recht unspezifisch. Eine Französin mit ihrer Tochter - die beiden Vegetarierinnen? In Frankreich nicht sehr verbreitet. Ein junger Mann, dem die Jeans so weit nach unten gerutscht war, dass die rote Boxershort hervorblitzte - keiner von den Nicht-Unterwäsche-Trägern demnach.

Ich hatte keine Ahnung, wo die Leute rund um mich zu verorten waren und griff zu meinem Buch über romanische Kunst. Kurz darauf verkündete eine weibliche Stimme "Boarding completed", und neben mir hatte noch immer niemand Platz genommen. Als wir zwei Stunden später gelandet waren, schoss mir ein Gedanke ein: Zu welcher Kategorie gehöre ich eigentlich? Und warum hatte sich weder links noch rechts von mir jemand hingesetzt? Eines kann ich verraten: Ich schaffe es nicht, meinen Ellenbogen mit der Zunge zu erreichen. Das hatte ich nämlich am selben Abend im Hotelzimmer ausprobiert.

Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.