Holger Rust, geb. 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geb. 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Das Internet der Dinge, schön und gut. Großer Hype, nicht nur für die Industrie 4.0, wo der Total Quality Roboter die Fertigungsmaschine anraunzt. Auch für den Alltag, zu dessen Beschreibung, wie in den 50er Jahren schon einmal, wilde Utopien entworfen werden, wovon wiederum die der selbstfahrenden Automobile die derzeit wildeste ist. Und die kommunizieren nicht nur miteinander, sondern auch - zum Beispiel - mit dem Kühlschrank, der, weil Herrchen gleich vorgefahren wird, Champagner kaltstellen möge, und Botschaft an den Fernseher: kein Fußball, beide Sitze im Auto sind belegt, der eine etwas leichter! Musikanlage: Bitte einschmeichelnde Tenorsaxophon-Balladen runterladen. Und Mitteilung an die Heizung, das Wohnzimmer in einer Stunde auf 21 Grad vorzuheizen. Worauf die Rollos fragen: Und wir? Antwort: Bis 21:24 Uhr oben bleiben, die Daten prognostizieren schönen Abendhimmel, das mag er. Schließlich die Alarmanlage: Wer isses denn? Alle anderen: Wissen wir auch nicht. Die Datenlage ergibt keinen Sinn.

Das geht natürlich alles erst, wenn im Hintergrund der Digitalisierung einige sehr analoge Dinge zur Verfügung stehen: Datenfarmen, Übertragungswege, Endgeräte, Kühlsysteme und natürlich haufenweise, tief im Keller: Kabel. Denn das ist so klar wie die rasende Digitalisierung: je mehr von ihr, desto mehr auch vom anderen, dem analogen Teil der Sache. Und das nicht nur bei der Technik so.

Nie ist mir das so klar geworden wie in einem dieser After Work Smalltalks mit einem Finanzberater in einer kleinen Bar einer großen Stadt. Irgendwann sagte er, wie in solchen Gesprächen und schon gar bei Finanzberatern nicht unüblich, den kryptischen Satz: Geld muss man dort anlegen, wo die massenhaften analogen Konsequenzen der Digitalisierung greifen. Aha, erwiderte ich, tiefes Unverständnis in die Betonung dieser Silbe legend. Und was heißt das nun genau?

Zum Beispiel Champagner. Wird digital geordert, klar. Muss aber irgendwie in den Kühlschrank gelangen. Und leider gibt es, wie in diesen schönen Zukunftsvisionen von gestern, keine Rohrpost mehr, mit der das alles sofort ins Haus geschossen wurde. Deshalb: Pappe. Denn je mehr Internet, desto mehr Anregungen. Weil jeder alles, was er im Alltag isst, trägt, tut und für schön hält, neuerdings mit dem Smartphone fotografiert und ins Netz stellt. Lebensmittel, Schuhe, Einstecktücher, Möbel, Autos, bunte Schnürsenkel.

Selfies der Konsumgesellschaft. Internet of Everything. Und dann denkst du dir: Unglaublich, Schuhe mit bunten Schnürsenkeln. So etwas will ich auch! Und wenn du sie hast, veränderst du das alles ein wenig, fotografierst das Ergebnis und stellst es wieder online, und die Idee rast wie eine Lawine durchs Netz, Tausende fragen sich, wo krieg’ ich das? Dann kriegen sie es, posten wieder, und alles fängt von vorne an. Anregungen und Bestellungen. So geht das, digitanalog, hin und her. Und immer brauchst du Pappe zum Verpacken.