Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass sich der Prinz Tamino in seine Prinzessin Pamina verliebt, ohne sie zu kennen? Bevor er ihr in Mozarts "Zauberflöte" leibhaftig begegnet, liebt er schon ihr Bildnis, von dem er in seiner allseits bekannten Arie versichert, es sei "bezaubernd schön".

Man kann nun darüber nachdenken, ob Taminos Treue wirklich seiner Pamina gilt, oder ob er nur in ein Bild vernarrt ist. Allerdings sollte man nicht annehmen, dass er sich diese Frage selbst gestellt hätte. Dieser edle Prinz weiß nichts über den kategorialen Unterschied zwischen Abbild und Realität. Mühelos überträgt er das Wohlgefallen am Bild auf Pamina, weil sie ja diejenige ist, die auf dem Bild dargestellt ist.

Aber unterstellen wir trotzdem einmal, Taminos Übertragung gelinge vor allem deshalb so leicht, weil er nur ein Bild und eine Frau kennt. Und fragen wir hypothetisch weiter: Wäre diese Unbeirrbarkeit auch möglich, wenn Tamino über das riesige Bilderangebot im Internet verfügen könnte? Im "Spiegel" war kürzlich zu lesen: "Geschätzte 900 Milliarden Fotos werden in diesem Jahr ins Netz eingespeist". Angesichts dieser Fülle kann wohl kein User übersehen, dass es mehr als ein bezaubernd schönes Bildnis gibt.

Nun kursiert in der kulturkritischen Essayistik die Vermutung, dass die althergebrachten Vorstellungen von Liebe und Treue durch die Reizüberflutung des world wide web irritiert würden. "In einer Minute sehen die Menschen mehr Körper und mögliche Partner als ihre Vorfahren während eines ganzes Lebens", schrieb Sven Hillenkamp in seinem Buch "Das Ende der Liebe". Der Schriftsteller beklagt, dass diese unendlichen Wahlmöglichkeiten (und seien sie auch vir-
tuell) zu Entscheidungsschwäche und Bindungsunfähigkeit führen.

Positiv gewendet, erscheint derselbe Gedanke in einem Aufsatz des Kunsthistorikers Wolfgang Ulrich. Unter dem Titel "Ohne Folgen? Bilder im Plural" führt Ulrich aus: "Der Plural von Bildern wird hier zu einem fröhlichen Pool, in dem sie alle schwimmen - banal, beiläufig, aber auch unbeschwert und heiter, als Ausdruck jener Sehnsucht nach Unbestimmtheit und Folgenlosigkeit, die die gegenwärtige Kultur generell kennzeichnet."

Angesichts solcher Befunde könnte man die Behauptung aufstellen, auch der tugendhafte Tamino erläge heutzutage den Verlockungen der Vielfalt. Doch lässt sich diese Theorie nicht halten. Die Opernhandlung selbst erhebt Einspruch dagegen. Immerhin werden dem Tamino ja Alternativen angeboten, gar so keusch ist auch die Mozart-Zeit nicht gewesen: Die drei Damen, die dem Prinzen im Auftrag der "sternflammenden Königin" Paminas Bild überreichen, machen kein Geheimnis daraus, dass sie diesen "Jüngling schön und liebevoll" recht begehrenswert finden.

Er aber missachtet ihre Avancen. Er ist kein flatterhafter Don Giovanni, sondern ein treuer Liebender, der sich nicht von jener einen abbringen lässt, deren Bild er schon im Herzen trug, bevor er sie kannte. Eine solche Festigkeit wäre wohl auch heute noch möglich. Man müsste sie nur wollen.