Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Ein Begriff ist zurzeit in aller Munde: das Volk. Ob nun wegen befürchteter Völkerwanderung, weil "besorgte Bürger" auf der Straße "Wir sind das Volk" skandieren, oder selbsternannte "Volkstribune" vor "Umvolkung" warnen. Volk ist gerade überall. Und dabei ist der Begriff schwierig zu fassen. Wer oder was ist eigentlich Volk?

Etymologisch kommt der Begriff "Volk" aus den Ansprachen diverser Fürsten vergangener Zeiten an ihre Untertanen: "An mein Volk: Folgts!" Daran sieht man bereits, es braucht beim Volk immer einen, der sagt, wo es hingeht. Das Volk ist
also eine Reisegesellschaft. Gerne
in Richtung Untergang. Vorher waren diese Völker Bevölkerun-
gen, Milieus, Interessensgruppen, Staatsbürger, Arbeitnehmer, Kon-
sumenten, User oder einfach Leute... Manchmal sogar auch Menschen. Aber sobald es darum geht, sein eigenes Hirn samt
Eigenverantwortung an jemand anderen abzugeben und gedankenlos mit ein paar tausend anderen
in eine Richtung zu marschieren, die man selbst nicht kennt, spricht
man von Volk. Ein Moment bewusster Unmündigkeit also macht eine Masse von Menschen erst zu einem Volk. So entstehen dann Volkszeitungen, Volksparteien, Herren-
und Bienenvölker und Volksmusiksendungen.

Wer beim Volk aller dabei ist, ist aber von Situation zu Situation ganz unterschiedlich. Wer das Volksfest besucht, hat nicht zwingender Weise auch einen Volkswagen zu Hause. Wer Teil des Wahlvolks ist, macht nicht automatisch bei jedem Volkssport mit. Und wer fleißig die Volkshochschule besucht hat, wird sich wahrscheinlich nicht in der Masse wiederfinden, die der Volksverblödung anheimfällt.

Gerne wird auch Folklore mit Volk assoziiert. Das ist aber ein Missverständnis. Folklore hat nur am Rand mit Volk zu tun. Denn Folklore bezeichnet in der bayrisch-österreichischen Mundart die teilnehmenden Menschen einer folkloristischen Veranstaltung, deren herausragendes Kennzeichen ist, voll klaren Schnaps zu sein. "Voll Klore" eben. Dass dieser Zustand gut zur freiwilligen Bewusstlosigkeit eines Volkskörpers passt, ist logisch, aber nicht zwingend.

Zu guter Letzt sei auf noch zwei medizinische Besonderheiten des Volks hingewiesen. Manchmal leidet es an "gesundem Volksempfinden", das sich auch gern als "Hausverstand" tarnt. Das ist eine schwere Krankheit, die Gefühlsarmut, Hartherzigkeit und gesteigerte Hirnlosigkeit zur Folge hat. Man erkennt sie manchmal an einer Kornblume im Knopfloch.

Und das führt uns gleich zum zweiten Volksphänomen: Anatomisch hat das Volk noch ein ganz bestimmtes Merkmal, das es von allen anderen Formen des menschlichen Lebens unterscheidet: Ist es beim durchschnittlichen Homo sapiens - egal, in welcher Anzahl und Masse er auftritt - so, dass das After hinten sitzt und da Kacke ’rauskommt, sitzt dieses beim Volk stets vorne. Und das, was da ’rauskommt, heißt dann "Volkes Stimme".

So gesehen wundert es einen natürlich nicht, dass gerade die Firma "Volkswagen" damit zu kämpfen hat, lauter Drecksschleudern verkauft zu haben. Volklich ist also festzuhalten, wer dem Volk begegnet, sollte sich immer fragen: Wenn Ihr das Volk seid, wer ist dann Volker?