Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. - © Daniel Novotny
Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. - © Daniel Novotny

Es gibt eine Verschiebung im Allheilmitteldiskurs. Ob es darum geht, die Fremdheit der Flüchtlinge zu überbrücken. Ob es um "Parallelgesellschaften" geht (wie bei dem Verdacht gegen islamische Kindergärten in Wien). Helfen sollen unsere Werte. Davor führte die Bildung. Heute ist es das Einschwören auf die Werte. Wie das gehen soll, das Einschwören, ist dabei noch unklar. Sollen sie angeboten werden oder eingebläut? Geht es um Umerziehung, Gehirnwäsche? Umcodierung, Überzeugung, Verführung? Die Werte werden hervorgeholt wie ein Fetisch, eine Beschwörungsformel, um das abzuwehren, was da an Fremdheit auftaucht.

Aber die Veränderung, die mit "Integration" nur unzureichend umschrieben ist, beginnt weit davor. Sie beginnt weit vor der Übernahme von Inhalten - ob Frauenemanzipation, Menschenrechte oder Homosexuellenehe. "Integration" ist ein Vorgang, der sich nicht auf der Ebene der Inhalte vollzieht.

Grundlage der Integration ist das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen, Religionen, die sich nunmehr eine Gesellschaft teilen sollen. Grundlage der Integration ist also das Faktum der Pluralisierung. Das ist nicht paradox. Denn Pluralisierung macht etwas. Mit uns allen.

Sie ist kein äußerlicher Vorgang, wo die Neuen zu den Alteingesessenen einfach hinzukommen. Pluralisierung ist keine Addition. Sie ist vielmehr ein Vorgang, der alle ergreift, der alle verändert.

Denn Pluralisierung hat zur Folge, dass keiner mehr seine Religion, seine Kultur so leben kann, als ob es keine andere daneben gäbe. Pluralisierung ist die ganz praktische Aufhebung des Absolutheitsanspruchs jeder Religion. Dazu braucht es weder Überzeugung noch Aufklärung. In gemischten Gesellschaften steht jede Religion neben anderen Religionen, jede Kultur neben anderen Kulturen.

Da gibt es keine selbstverständlichen Zugehörigkeiten mehr. Keine, die ihre Evidenz nicht gegen andere Evidenzen behaupten müsste. Das aber bedeutet, dass die Außenperspektive auf jede Kultur Teil ihrer Innenperspektive wird. Die Außenperspektive - dass es nämlich immer anders sein könnte: Dass man jemand anderer sein könnte, dass man etwas anderes glauben könnte, diese Außenperspektive ist heute immer schon Teil jeder Identität, jedes Glaubens. Das könnte man als partielle Säkularisierung bezeichnen.

Und diese ergreift jeden Einzelnen. Sie verändert völlig deren Art zu glauben. Sie verändert den Bezug
zu "ihrer" Gemeinschaft, zu "ihrer" Identität. Dieser Bezug ist heute
nicht mehr naiv zu haben. Partielle Säkularisierung durch Pluralisierung - das ist die gesellschaftliche und psychologische Voraussetzung für "Integration".

Und genau dagegen richten sich alle Formen von Abschottung. Sie sind der Versuch, diese Tatsache abzuwehren. Der Versuch, in einer heterogenen Gesellschaft eine künstliche homogene Bastion gegen die partielle Säkularisierung zu errichten.

Dagegen hilft keine Wertevermittlung. Denn Säkularisierung ist heute kein Werk der Vernunft, kein Werk der Aufklärung. Säkularisierung ist heute ein Effekt der Pluralisierung. Sie ist es, welche das ins Werk setzt, was heterogene Gesellschaften brauchen: die Einhegung jeder eindeutigen Identität, jedes Glaubens. Das praktische Wissen, dass sie jeweils nur eine Option unter anderen ist.