Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Viele Leserinnen und Leser haben ja ihren Jahreswechsel unter südlicher Sonne gefeiert und dabei einen Vorsatz gefasst: die Gelassenheit, die sie dort an den Tag legten, in den Alltag des Jahres 2016 zu retten, das Gefühl der Leichtigkeit auch dann zu bewahren, wenn man im grauen Flanell aus dem Sitzungssaal auf den durch schalldichte Fenster kaum hörbaren Verkehr im Regen blickt.

Dabei stellt sich immer jenes diffuse Gefühl ein, man vermisse etwas Südliches. Nicht das dolce far niente. Auch nicht irgendwas, das durch den Konsum von Latte macchiato oder Espresso zu befriedigen wäre. Es liegt tiefer. Es ist mehr. Etwas, das man immer noch in den durchaus geschäftigen Zauberstädten des mediterranen Europa beobachten kann, wenn dort die Damen und Herren der Businesswelt ihren Kaffee mit geradezu unverschämter Selbstverständlichkeit konsumieren, in Venedig und Mailand, in Bologna, Turin und Florenz, an Italiens Stätten des Rinascimento, wo Mode, Kunst und Handel schon zu Zeiten blühten, als von Globalisierung noch gar nicht gesprochen wurde. Damals, genauer: 1528, prägte der Philosoph und Berater von Päpsten, Fürsten und Kaufleuten Baldassare Castiglioni in seinem "Libro del Cortegiano" einen Begriff, der all das umfasst, nach dessen dauerhafter Bewahrung sich der gelüftete Geist auch in seinen winterharten Geschäften sehnt: Sprezzatura.

Die wörtliche Übersetzung des Titels (Das Buch des Höflings) würde heute täuschen, auch das zeitgemäße Synonym - Gentleman - verkennt, dass mittlerweile die Courtoisie sich nicht mehr im Verhältnis von Männern zu Frauen darstellt, sondern als Lebensstil, der zwischen Geschlechtern so wenig unterscheidet wie zwischen Altersgruppen und Zugehörigkeiten zur betrieblichen Hierarchie. Coolness also? Lässigkeit? Auch das.

Aber Sprezzatura ist weit mehr. Und vielleicht ist es deshalb in den vielen Jahren, die seit der Geburt des Begriffes vergangen sind, nie wirklich gelungen, eine definitorische Festlegung zu treffen. Wir lesen von einer ungezwungenen, entspannten Leichtigkeit, von unangestrengter Virtuosität, von müheloser Meisterschaft oder unverwechselbarer Eleganz.

Doch diese Eleganz ist nicht nur die der Kleidung, von der Giorgio Armani sagte, dass die größte Mühe darin bestehe, das Einfache zu kreieren. Übertragen äußert sie sich in der trefflichen Sprache, der Vermeidung von Klischees, Stereotypen und gestanzten Modevokabeln, pflegt selbst im Small Talk Substanz, dies aber stilistisch der Situation angemessen. Das Wichtigste jedoch, das bereits bei Castiglione und denen zu lesen ist, die sich in ungezählten Kommentaren geäußert haben, ist: als Grundlage dieser Leichtigkeit eiserne Disziplin zu pflegen, lebenslange Lernbereitschaft, ein breites, begründetes Wissen - und jenes ums Nichtwissen. Vor allem mahnt Sprezzatura zur Bereitschaft, den anderen ihre Rolle im Schauspiel des Alltags zu lassen, damit das Stück, in dem man sich selbst inszeniert, für alle von Interesse bleibt.