Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. - © Daniel Novotny
Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. - © Daniel Novotny

Wir hatten uns so schön eingerichtet. In allen Formen des Post. In der Postmoderne, der Postdemokratie, dem Postkolonialismus, dem Posthistoire. Und dann kam 2015. Und damit das Wiederauftauchen all der Geister - der prä-post-Geister.

Da gab es zum einen die Rückkehr der großen politischen Rhetorik: eine Rhetorik, die nicht beim einfachen "Kampf der Kulturen" stehenbleibt. Eine Rhetorik, die am Gipfelwert einsetzt. Der Kampf gegen den "IS" wurde zum Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei erklärt. Ganz unpostmodern.

Jenseits davon, im Windschatten dieser Beschwörungsformel, hat sich jedoch etwas ganz anderes vollzogen: das Wiederauftauchen der "großen", der Realpolitik. Da finden wir Putin plötzlich in Syrien auf der Bühne der Weltpolitik wieder. Da nutzt die Türkei die Gelegenheit, die Kurden zu bekämpfen, und lässt sich ihre zwiespältige Politik zwischen Flüchtlingen und IS von Europa schwer vergolden. Und Saudi-Arabien versucht auch mitzumischen. "Jeder tut so als ob er gegen den IS kämpft, schreibt Slavoj Zizek, um seinen wahren Feind zu schlagen." All diese Mächte sind wieder aufgetaucht, haben sich wieder ins Spiel gebracht, wollen wieder mitmischen. Nicht dass es vorher keine Realpolitik mehr gegeben hätte. Aber es gab nicht mehr die eine Linie an der entlang sich all diese Mächte formiert hätten.

Für Europa hingegen, dieses Europa von dem man sich jedes Jahr fragt, ob es dessen Ende noch erleben wird, für Europa ist dies die Rückkehr des "Kolonialismus". In einem gewissen Sinne. Nicht eines Drangs zur Expansion, nicht eines erobernden Kolonialismus - sondern jener eines Zwangs, einer Notwendigkeit, sich im Nahen Osten einzumischen, zu engagieren. Die Flüchtlinge haben den Nahen Osten zu einem Vorhof Europas gemacht - ein Vorhof, in dem Europa nun aus Eigeninteresse als ordnungsstiftende Kraft eingreifen muss. "Der Nahe Osten ist jetzt", so Herfried Münkler, "in dramatischer Weise ein europäisches Problem." Europa wird also so etwas wie ein positiver Kolonialismus, ein
rettender Eingriff, abverlangt und aufgezwungen. Etwas, von dem
man sich hier schon Lichtjahre entfernt glaubte.

Zugleich aber stehen die Europäer vor der Paradoxie, dass ihr Exportmodell für diese Aufgabe in der Region nicht greifen wird. Nicht nur ist dieses Europa mit der Kriegsführung überfordert - auch sein Friedensmodell ist nicht brauchbar. Es ist abzusehen, dass in zerrissenen Gebieten, in zerfallenen Staaten wie Syrien oder dem Irak selbst nach einem möglichen Sieg über den "IS" kein pluralistisches Demokratieparadies erblühen wird. Nach Untergang der bisherigen Form, der autoritären Unterdrückung des religiösen Pluralismus, wäre eine Spaltung entlang der religiösen Unterschiede schon ein Fortschritt.

In einer Welt, wo einerseits Pazifizierung durch Homogenisierung schon ein Idealfall ist. In einer Welt, wo sich andererseits die Autokraten vermehren - die Putins, Erdogans, Orbans - in solche einer Welt erscheint selbst die Postdemokratie noch als durchaus erstrebenswert.

Und die Flüchtlinge? Auch sie ein Wiederauftauchen aus der Prä-Postwelt. Aber welcher Art? "Echtes Leben! Echte Sorgen! Echte Nöte!", wie Richard David Precht meint? Oder nicht viel mehr das Wiederauftauchen der nackten Existenz?