Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.
Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.

Neben allen Schreckensmeldungen, die uns in jüngster Zeit erreichten, las ich kurz vor Weihnachten die folgende Nachricht: "Österreich hinkt im Online-Handel hinterher". Auch das noch. Dabei konnte ich es kaum glauben: Auf unserem Postamt wuchsen Tag für Tag die Pakettürme der Internethändler, sodass man kaum die Beamten sah, die an den Kassen ihren Dienst versahen. Ab der Christnacht fanden sich dieselben Kartons, dann eben leer, neben den restlos überfüllten Altpapiercontainern in der Umgebung.

Aber das muss ja nichts bedeuten im internationalen Vergleich. In manchen deutschen Städten müssen angeblich Geschäftslokale als Gratis-Zwischenlager für online-shoppende Nachbarn herhalten, die zum vereinbarten Zustellzeitpunkt nicht zu Hause sind. Derartiges habe ich aus Wien bisher noch nicht vernommen. Und zugegeben: Die Mariahilfer Straße war an den Adventsamstagen so voll, dass in der Begegnungszone oft mehr Begegnungen stattfanden, als manchen lieb war, und dem 13A-Bus war dort die Durchfahrt überhaupt untersagt.

Also hinken wir doch hinterher. Weil hierzulande immer noch zu viel in real existierenden Geschäften eingekauft wird. Ich leiste ja auch meinen Beitrag zu dieser Rückständigkeit. Noch nie habe ich bei Amazon ein Buch oder bei Zalando ein Paar Schuhe bestellt. Auch für Hotelbuchungen bemühe ich kein Internetportal. Natürlich fragt hin und wieder, wenn ich dieses Manko eingestehe, jemand nach: Ob ich "wirklich noch nie", und dass das "doch recht praktisch" sei und so fort.

Wenn es die Zeit erlaubt, argumentiere ich ökonomisch, beziehungsweise "grätzelpolitisch": Was denn mit all den Inhabern kleiner Geschäfte passieren würde, die dann verschwinden, und mit den vielen Verkäuferinnen und Verkäufern, die dann ihre Arbeit verlieren; weder die einen noch die anderen würden ihren eigenen Webshop aufmachen. Und wie die Geschäftsstraßen allmählich aussehen würden: Nämlich so, wie die Gassen vieler Ortschaften abseits des Hauptplatzes.

Wenn wenig Zeit ist, erzähle ich auch gern von einer Buchhandlung auf der Lerchenfelder Straße, in welcher ich jahrelang für meine Mutter Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke eingekauft habe; nachdem ich den beiden Buchhändlern beim ersten Einkauf die Vorlieben meiner Mutter beschrieben hatte, suchten sie zu jedem Anlass eine Neuerscheinung aus. Sie hatten meine Mutter nie zu Gesicht bekommen, und diese war jedes Mal entzückt von meiner Wahl.

Vielleicht hätte ich ja im Netz ein "Profil" meiner Mutter erstellen können und dann unter dem Motto "Menschen, die das lesen, finden auch dies interessant" ein paar Tipps bekommen, nur - ich rede halt doch lieber mit Menschen. Mein Neujahrsvorsatz lautet daher: Ich hinke weiter hinterher, aber mit erhobenem Haupt.