Ach, deshalb bin ich so g’stört. Andere, die davon als Kind ebenfalls traumatisiert worden sind, sind heute vielleicht Vegetarier oder blad. Wegen der Albträume von schießwütigen Rächerhasen oder weil sie ihre Suppe stets brav aufgegessen haben. Endlich hab ich also die Ursache gefunden. Im Bücherregal war sie.

Genau zwei Bücher hat mir meine Mama vorgelesen. Und eines davon hat mich für immer verändert. Die "Biene Maja" kann es jedenfalls nicht gewesen sein. Die hätte mich ja wohl kaum dazu bringen können, mir die Nägel bis zur Handwurzel abzukauen und zwanghaft Schuhe zu kaufen. Inzwischen würden Eltern, die ihren Gschrappen diese verstörende Lektüre reindrücken, bestimmt wegen Kindesmisshandlung angezeigt werden. Und wegen Wiederbetätigung. Was? Für die Kärntner war doch hoffentlich nicht bis weit in die 70er Jahre hinein "Mein Kampf" eine Gutenachtgeschichte? Eh nicht. Aber jenes Bilderbuch, aus dem die unangepasste Titelfigur gleich zu Beginn hinausgemobbt wird. ("Pfui! Ruft da ein jeder: Garst’ger Struwwelpeter!") Der Hippie hat unter anderem zu lange Fingernägel. Weshalb ich in Panik mit dem Nägelbeißen angefangen habe. Und weiter hinten dann: "Die Geschichte von den schwarzen Buben", wo ein Migrant aufgrund seiner Hautfarbe verspottet wird. Üble, antisemitische Hetze. Wie bitte? Der "kohlpechrabenschwarze Mohr" ist ein Jude? Nein, der nicht. Zum Glück hat kein lesefauler Ikonograph dereinst versucht, mir die Handlung anhand der Illustrationen zu erklären. ("Äh, es geht um drei Juden. Erkennt ma an den Davidsternen in der Deko daneben. Und die sind ganz böse Rassisten. Drum bestraft sie der . . . hm. Weißer Bart, rotes G’wand, klar: der Weihnachtsmann. Oder irgend a Schriftsteller? Der ertränkt die Gfraster in sei’m Tintenfassl und nach ihrem Tod, oh, rennen sie ihrem Opfer noch immer intolerant hinterher. Aha, Zombies.")

Ein Neonazi hätte ich werden können (vor lauter Mitleid mit dem armen Ausländer). Oder ein Salafist. Schließlich gilt zwischen den Buchdeckeln die Scharia. Dem Konrad werden zur Strafe für seine orale Selbstbefriedigung die Daumen abgeschnitten! Oder ist das die christliche Scharia? He, die Kastrationsangst kommt nicht vom Ödipuskomplex, sondern von einer Schere! Okay, die jetzige Generation betrifft das nicht. Die kann Konrads Motivation, sich einen Finger in den Mund zu stecken, sowieso nimmer nachvollziehen. Heutzutage benutzen ja bereits die Babys ihre Daumen nur noch zum SMS-Schreiben.

Dafür muss ich wie wild im Internet bestellen. (Aber "Struwwelpeter" schreibt man doch gar nicht mit drei Ws!) Schuchis. Wie "Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug" lehrt, sind das die einzigen bleibenden Werte. In die sollte ich also investieren. Paulinchen ist längst urnenfertig (Asche) und ihre Slipper haben nicht einmal Gehfalten. Der Heinz muss sich übrigens so oft schnäuzen, weil er infolge seiner Regenschirmphobie dauernd klatschnass ist. ("Die Geschichte vom fliegenden Robert": Er spannte den Schirm auf und ward nie mehr gesehen.) "Mary Poppins" ist für den Heinz ein Horrorfilm.

Wie lange wollen die Verlage noch warten mit einer von Psychologen kommentierten Neuauflage der lustigen Geschichten und drolligen Bilder aus dem 19. Jahrhundert? Bis alle Claudias des 21. Jahrhunderts in Privatkonkurs gegangen sind und alle Heinzis einen Schnupfen haben?