Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.
Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.

Vor einiger Zeit besuchte ich die 30-Jahr-Feier einer Institution, die sich seit ihrem Bestehen große Verdienste um den Schutz der Umwelt erwirbt. Es gab, wie schon auf jeder der vorangegangenen Feiern, die im Fünf-Jahres-Abstand stattfinden, reichlich zu essen und zu trinken, und dies keinesfalls rein vegetarisch oder gar vegan. Zu vorgerückter Stunde bemerkte ich auf dem großen Esstisch ein gläsernes Gefäß, in dem klitzekleine, weißliche, wurstförmige Gebilde lagen. Bei näherem Hinsehen erhärtete sich mein anfänglicher Verdacht: Es handelte sich um Maden. Der neueste Lebensmitteltrend also: Wir essen Insekten, weil wir damit Treibhausgase reduzieren und jede Menge hochwertiger Proteine zu uns nehmen.

Ich musste an ein prägendes Erlebnis denken, das ebenfalls dreißig Jahre zurück liegt, aber rein gar nichts mit der Gründung besagter Institution zu tun hat. Ich befand mich auf einer ausgedehnten Reise durch Mexiko, saß gerade auf der Terrasse eines Cafés in Oaxaca und nahm mein Frühstück ein. Plötzlich trat eine dralle Indiofrau an meinen Tisch und stellte wortlos ein verknotetes durchsichtiges Plastiksäckchen mit braunem Inhalt neben meine Kaffeetasse. Als ich bemerkte, dass es sich um Heuschrecken handelte, befiel mich ein abrupter Brechreiz. Ich muss derartig verstört gewirkt haben, dass die gute Frau sich umgehend einem anderen Gast zuwandte.

Als ich meinem mexikanischen Freund, den ich gerade besuchte, später von diesem Vorfall erzählte, lachte er herzlich und sagte, dass es den meisten Europäern so ergehe, den Gringos ohnedies samt und sonders. Er wolle mich zwar nicht überfordern, aber ich würde ihm eine große Freude machen, wenn ich wenigstens ein einziges dieser Tierchen äße, bevor ich wieder in meine Heimat zurückkehrte.

Da ich sah, dass die Sache mit den Heuschrecken meinem Freund ein echtes Anliegen war, wollte ich ihm seine Bitte nicht abschlagen. Wir gingen also am nächsten Tag auf den Markt, wo zwischen den Käseständen Indiofrauen auf dem Boden saßen, vor sich ihre mit Chili gerösteten Heuschrecken, aufgeschichtet wie Ameisenhaufen. Ich überwand meine europäische Scheu, kostete mit der Miene des Connaisseurs bald bei diesem, bald bei jenem Haufen und entschied mich schließlich für ein Viertelkilogramm richtig großer Tiere. Bei meinem Freund zu Hause angekommen, verspeisten wir die kleinen Kerle, und ich muss sagen, sie schmeckten mir hervorragend.

Seither graust mir nicht so leicht vor irgend etwas Essbarem. Schon gar nicht vor Wiener Maden. Trotzdem mochte ich die Heuschrecken von Oaxaca lieber. Aber das liegt wohl zum einen daran, dass es das erste Geschmackserlebnis dieser Art war; zum anderen passt es ganz einfach in den Süden von Mexiko. Was Wien betrifft, bin ich mir da nicht ganz so sicher. Vielleicht in dreißig Jahren.