Bisher hab ich mich ja immer für gut integriert gehalten. Das dürfte allerdings ein Irrtum gewesen sein. Denn so wie ich mich neulich beim Billa aufgeführt habe, müsste ich mich vor lauter Scham jetzt eigentlich selber in mein Herkunftsland abschieben. Also nach Kärnten.

Ach, hab ich diese zwei total gemeinen Kunden, die beim Warten an der Kassa allen Kärntnern ein großes Kompliment gemacht haben ("Die kennan genauso guat mit Göd umgehen, wie sie wählen können!"), mit Kasnudeln beworfen? (Weil wenn der Jörg was von den Landeshaftungen gewusst hätte . . .) Falsch. Beim Kontrollieren des Wechselgelds hab ich . . . ich hätte jedenfalls lieber mit Bankomatkarte zahlen sollen.

Na ja, wahrscheinlich hab ich einfach den falschen Kindergarten besucht. So einen, in dem ich nicht g’scheit Deutsch gelernt habe. Und ohne Deutschkenntnisse kannst die ganze Integration vergessen. Meine Mama war ziemlich geschockt, als ich ihr einmal stolz vorgesungen habe, was mich die Kindergartentanten auswendig lernen hatten lassen. Koranverse? Wieso Koranverse?! Und was soll an denen denn so schlimm sein? Nein, ein Steirerlied! Es handelte von . . . mir. "Übers Bacherl bin i gsprunga" - i. Ich-Form. Das musste ich dem Papa am Abend ebenfalls vorträllern. Und kaum war ich bei der Stelle, wo ich in den Bach reinfalle und "mi mei liabs Dianderl an mein Housntroga" aus den Fluten zieht, haben meine Eltern sofort mit dem Exorzismus begonnen. Nicht, weil sie homophob gewesen wären und ich offenbar eine Lesbe war. Sie waren: Kärntner. Zehn Mal hintereinander musste ich "Karntnarisch, Karntnarisch, dos greift aufs Gmiat" singen. Zwecks der Repatriierung. Und wäre ich schon zur Schule gegangen, hätte ich bestimmt 100-mal den Satz schreiben müssen: "Mei Hosale hod kane Housntroga!"

Deutsch hat in dieser radikalsteirischen Kinderbetreuungseinrichtung sowieso keiner gesprochen. Sondern Steirisch. No na - in Kapfenberg. Vielleicht hätte ich erwähnen sollen, dass ich nach meiner Geburt gleich zwei Mal aufgewachsen bin. Zuerst in der Fremde und erst später in der Heimat. Und heute bin ich anerkannter Wirtschaftsflüchtling in Wien.

Und was gibt mir die Billa-Kassierin unlängst heraus? Eine slowenische Zwei-Cent-Münze. Und was ist hinten drauf? "Unser" Fürstenstein! Doch statt nun gerührt die Europahymne zu summen, weil die EU die Nationen so nahe zusammenrücken lässt, dass Südkärnten inzwischen in Slowenien liegt, intoniere ich reflexartig des Kärntners Heimatlied. Eh nicht laut. Trotzdem. Mitten in Wien. Die vierte Strophe. Die, die erst ab 16 freigegeben ist. Die über den Abwehrkampf ("wo man mit Blut die Grenze schrieb . . ."). Warum muss es ausgerechnet der älteste Hocker Kärntens sein? Hätten sie nicht den Hocker "Bosnäs" oder "Stockholm" von Ikea nehmen können? Angeblich hat der Ur-Kärntner, der da droben gesessen ist, ein paar Worte auf Slowenisch gesagt. Na und? Die Inschrift auf dem Äußeren Burgtor ist Lateinisch. Bildet der Vatikan es deshalb auf seinen Euro-Münzen ab? Und da wird immerhin der Papst erwähnt. ("FRANCISCUS I. IMPERATOR AUSTRIAE.")

Hm. Welcher Kärntner Politiker hat den Slowenen um zwei Cent diese kaputte antike Säule überhaupt angedreht? Und wird der Bund sie irgendwann auch verstaatlichen und abwickeln müssen? Sollte es also schnellstens verpflichtende Deutsch- und Wertekurse für Kärntner geben?