Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Europas Marssonde "Exomars" soll am Montag ihren Weg durch den Weltraum finden, um mehr als ein halbes Jahr später das Landegerät - genannt "Schiaparelli" - auf dem Mars abzusetzen. Wie heißt das?

Schiawas? Das ist doch - höre ich mal wieder Volkes Röcheln sich erheben - eindeutig arabisch. Na, bitte, da ist sich der politisch unkorrekt halbgebildete Würstelstand-User sicher, das ist doch ein klarer Beweis für die ständige Islamifizierung! Eh klar! Noch a Hüsn, Oida.

Wenn es so einfach wäre, grätscht der nationalkonservative Gesichtsnarbenträger dazwischen, nein, der sozialistisch-europäische Umvolkungsterror ist bei dieser Namensgebung viel subtiler vorgegangen. Die Marslandeeinheit sei - wie er aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen wisse - nach Celestino Schiaparelli benannt. Einem italienischen Arabisten. Also jemandem, der nicht nur sichtlich ein Freund der uns überrennenden Unkultur ist, sondern auch noch ein Italiener und somit Teil eines Volkes, das "uns" schon in zwei Weltkriegen in der Stunde der Not...

"Aber, aber!", unterbricht ihn da der rotgesichtige Herr Pfarrer mit den schweißnassen Händen. Man solle doch nicht vergessen, mahnt der Monsignore, während er aus Schokoladeriegeln einen Beichtstuhl formt, dass in Italien immerhin der Vatikan läge. Und auch wenn der Stuhl Petri gerade von einem kommunistisch-verwirrten Südamerikaner okkupiert wäre, sei es doch klar, dass der Name dieser Sonde einzig auf die moralisch verrottete italienische Modeschöpferin Elsa Schiaparelli zurückgehe. Also nicht nur auf eine Frau, sondern noch dazu auf eine, die es gewagt hätte, den Reisverschluss in die Haute Couture einzuführen. Was freilich eine kulturelle Katastrophe wäre! Wie schön war doch das Aufknöpfen gewesen, wenn die Finger sich an der Soutane entlang... aber er schweife ab. Klar sei, dass es sich hier um einen interstellaren Kniefall vor dem schwullesbischen Genderwahnsinn handle.

Und überhaupt, ertönt der Chor der internationalen Nationalisten auf Stichwort, was denn das für ein europäischer Technokratenunsinn sei, und - zweitens - inwiefern denn europäisch? Seien in dieses Projekt denn auch alle Nationen angemessen eingebunden? Wie viele französische Schrauben, wie viele ungarische Nieten, welche Anzahl von dänischen Metallen, wie groß die Menge von spanischem Treibstoff und bulgarischen Triebwerken wäre, möchten die volksdurchdrungenen Erregten wissen. Und welche Materialien von wo wie miteinander vebunden wären. Man fordere eine Legierungserklärung. Und wie man denn überhaupt gedenke, da hinaufzukommen? Was? Die Russen stellen die Rakete? Na dann - solang es nicht die Amis sind - OK. Dennoch gäbe es brennende Fragen zur kulturellen Identität der Sonde...

Und so geht es weiter, das Gezerre und Geplärre um Schiaparelli. Der 600 Kilo schweren Landeeinheit, benannt nach dem italienischen Astronom Giovanni Schiaparelli. Und wenn alles gut geht, landet Schiaparelli am 19. Oktober auf dem roten Planeten, um nach Spuren von Leben zu suchen. Vielleicht sogar intelligentem. Wenigstens dort.