Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.
Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.

Wenn man in der Früh um zehn Minuten zu spät aus dem Haus geht, kann man das den ganzen Tag über nicht mehr aufholen. An diesen Einstiegssatz von Andreas Vitasek in eines seiner Kabarett-Programme erinnere ich mich jedes Mal, wenn in den Verkehrsnachrichten auf die Bezeichnung "Südosttangente" unweigerlich der Begriff "Zeitverlust" folgt. Da würde man natürlich gerne wissen, wie das geht: Etwas zu verlieren, das man zuvor gar nicht besessen hat? Als ob die Zeit eben noch uns gehört hätte, und sie uns - schwupp - auf einmal entglitten wäre.

Wenn es doch so einfach wäre, wie Benjamin Franklin dachte, dass nämlich Zeit Geld ist: Letzteres kann man gewinnen, verlieren, behalten oder ausgeben. So einfach ist es aber mit der Zeit nicht. Zeit ist immer da. Auch wenn sie permanent vergeht, und das nicht einmal immer gleich schnell, wie wir seit Einstein wissen. Und, was natürlich weder Einstein noch Franklin ahnen konnten: Es verhält sich mit der Zeit auch nicht so, wie ein früherer BAWAG-Chef über den Verbleib des Geldes sinnierte: Es ist nicht weg - es hat’s nur jemand anderer.

Die Zeit hat kein anderer, sie ähnelt allerdings in einem Punkt dem Geld: Man kann sie vergeuden. Und das tun wir täglich mit viel Geschick. Wenn wir uns auf dem Weg in die Arbeit darüber ärgern, dass uns die Straßenbahn davonfährt; oder darüber, dass sie zwar pünktlich kommt, aber gerade dann, wenn wir ausparken wollen; wenn wir auf der Fahrt zur Arbeit in der Straßenbahn die Gratiszeitung lesen; oder uns über den Büro-Schluss-Stau auf der Südosttangente ärgern und uns nach dem Abendessen die neue Folge der "Vorstadtweiber" reinziehen.

Letztlich kommt es bei all dem Nachdenken über den angeblichen Verlust von Zeit wohl darauf an, diese nicht belanglos vorbeigleiten zu lassen. Denn sonst schlägt irgendwann das Phänomen zu, das Wissenschafter das Zeitparadoxon nennen. Die erste Hälfte ist bekannt: Ist einem langweilig, scheint die Zeit überhaupt nicht zu vergehen; verbringt man sie jedoch abwechslungsreich, dann verfliegt sie förmlich. Die zweite Hälfte bringt dann die frappierende Umkehr der ersten: Blickt man später auf die vergangenen Jahre und Jahrzehnte zurück, so schrumpfen die langweiligen und scheinbar unendlich langen Zeitspannen auf einen Punkt zusammen, während die Perioden, in denen man immer wieder Neues erlebt hat, wo die Zeit wie im Flug verging, diese Perioden dehnen sich in der Erinnerung plötzlich aus wie ein Luftballon, den man aufbläst.

Und da das Leben meist nicht genügend Spannendes für uns bereithält, um die vergangene Zeit in der Rückschau prall gefüllt erscheinen zu lassen, sagt man sich am besten ab und zu einen Liedtext von André Heller vor: "Die wahren Abenteuer . . ." etc., etc. Das funktioniert nämlich auch im Stau auf der Südosttangente. Ich hab’s schon ausprobiert.