Hermann Schlösser ist "extra"-Redakteur der Wiener Zeitung.
Hermann Schlösser ist "extra"-Redakteur der Wiener Zeitung.

Zarthelles Grün, lichtes Weiß, duftiges Rosa - im Sigmund- Freud-Park blühen wieder die Bäume. Doch schmücken sich mitten in Wien auch kleinere Gewächse mit Frühlingsfarben. Ein Forsythienstrauch zeigt sich in kräftigem Gelb, und man vergisst bei dem prächtigen Anblick fast, dass direkt neben den Zweigen zwei Schächte in die Tiefe führen Sie belüften oder erleuchten das Parkhaus, das hier unter Pflanzen und Wiesen verborgen ist.

So schaut man sich am Ostermontag ein bisschen um, bis das Auge auf eine Plakatwand trifft, die ein Baugerüst verhängt. Das überlebensgroße Bild einer sitzenden jungen Frau blickt aus großer Höhe herunter. Die Abgebildete trägt High Heels, gelb-blau gemusterte Leggings und einen rein gelben Pullover (etwas heller als der Forsythienbusch).

Anna Fenninger heißt diese dekorative Erscheinung; und wie es sich für eine Sportlerin gehört, macht sie in dezent erotischer Pose Reklame für etwas Gesundes, nämlich für vitaminhaltigen Orangensaft (gelb auch er).

Allerdings verziert das Plakat nicht irgendeinen Saftladen, sondern die Fassade der Votivkirche. Schon seit 15 Jahren wird an dieser Kirche herumrenoviert, und da eine solch grundlegende Sanierung viel Geld kostet, versucht man, die Gerüste als Werbeflächen nutzbringend einzusetzen. Diese Kommerzialisierung der sakralen Bausubstanz wird nicht von allen Gläubigen goutiert. Als sich einmal eine Bikini-Schönheit an der prominenten Stelle räkelte, die heute Anna Fenninger besetzt, kam es zu Protesten.

Aber warum sollte man päpstlicher sein als der Papst, wenn es um die Vermietung von Werbeflächen an kirchlichen Baustellen geht? Irgendwie muss die Instandsetzung einer altersschwachen Kirche schließlich bezahlt werden.

Unter dem Riesenporträt ist übrigens noch Platz für bescheidenere Offerten. Sie sind alle dem Ort entsprechend unverfänglich. Die Frauenzeitschrift "Woman" behauptet zwar "Mit Männern spielen. Können wir", aber der Gespiele, der auf dem Plakat gezeigt wird, ist ein kleiner Bub, der von zwei Frauen umsorgt wird. Auch der Slogan "Glücklich machen macht glücklich" auf einem anderen Plakat hat menschenfreundlichen Charakter. Genau besehen, weist er jedoch nur darauf hin, dass es "Cremissimo jetzt mit Dragee Keksi" gibt.

Am linken Rand der Werbewand hat immerhin auch eine religiöse Botschaft ihren Platz gefunden. Frau Maria Toriser-Wallisch hat den Passanten eine große Schrifttafel mit einem "Lebensmotto" gewidmet. Es stammt aus dem 46. Psalm und heißt in der Lutherbibel: "Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin."

Wie das in römisch-katholischem Deutsch hieße, erfährt man an der Votivkirche nicht. Da steht: "Be still and know that I am God". Das soll wohl die Touristen ansprechen. Aber sie werfen meist nur einen kurzen Blick in den neo-gotischen Bau und wandern dann hinüber zu dem unscheinbar grauen Freud-Gedenkstein am anderen Ende des Parks. Dort lesen sie die Inschrift: "Die Stimme des Intellekts ist leise".