Andreas Wirthensohn, geb. 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker, lebt in München.
Andreas Wirthensohn, geb. 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker, lebt in München.

"Redaktionsschluss" heißt ein neues Buch, das nicht vom Feierabend der schreibenden Zunft, sondern von der Zeit nach der Zeitung handelt. Pflichtlektüre für alle Journalisten, munkelt man, aber warum soll ich Dinge lesen, die mir doch nur das Herz beschweren. Ständig gesagt zu bekommen, das, was man so den ganzen Tag treibt ("manche nennen es Arbeit", wird gern gespottet), sei ähnlich wie das Gewerbe des Fassbinders oder das des klassischen Mittelstürmers ein aussterbendes, hebt die abendliche Tagesbilanzlaune nicht unbedingt. Trotzdem wappne ich mich als Schreibender natürlich für Zeiten, in denen Algorithmen Sätze basteln und alles, was die berühmten 140 Twitter-Zeichen überschreitet, die meisten Leser womöglich überfordert. Wer stehen bleibt, hat schon verloren in unserer schönen neuen Arbeitswelt.

Besonders erstrebenswert ist bekanntlich, das Hobby zum Beruf zu machen, und das ist bei mir das Schwimmen. Eine Laufbahn als rogan-gleicher Kraulstar dürfte freilich aus Altersgründen kaum mehr zu realisieren sein, und Schwimmlehrer ist leider nicht eine Art Skilehrer im flüssigen Element und mit weniger Wäsche, sondern gänzlich ohne jeden hinterseerschen Hüttenzauber. Bleibt also nur die verantwortungsvolle Aufgabe des Schwimmmeisters vulgo Badewaschl. Die besteht nicht nur aus heldenhaftem Retten Ertrinkender und dem Dirigieren des Badebetriebs mittels Pfeiferl, sondern auch aus meditativen Tätigkeiten wie dem allabendlichen Einsammeln Tausender Zigarettenkippen und dem psychologisch feinsinnigen Umgang mit Jungmännern im hormonell bedingten Imponier- modus. Blöd nur, dass man über all dem gar nicht mehr zum Schwimmen kommt.

Also werde ich jetzt lieber professioneller Beifallklatscher. Die Idee kam mir neulich bei einer Talkshow im deutschen Fernsehen, wo die Einlassungen des Justizministers immer besonders wild von einem einsamen Applaudierer begleitet wurden. Wie sich herausstellte, handelte es sich um den Pressesprecher des Ministers, der im Publikum saß und sich offenbar in der Einpeitscherrolle pudelwohl fühlte. Da ich dank natürlicher Gaben über ein besonders lautes, sattes, lange nachhallendes Klatschen verfüge, das bei Konzerten schon so manche Zugabe erwirkt hat, sollte ich meine gottgegebenen Talente vielleicht zum Beruf machen. Schüchterne Musiker, mittelmäßige Sportler, nach Höherem strebende Politiker, stammelnde Eröffnungsredner, schlecht lesende Schriftsteller - wer nicht sicher ist, ob er für seine Performance ausreichend beklatscht wird, der kann mich als eine Art analogen Liker mieten, anlassbezogen, gerne aber auch dauerhaft. Bravo-Rufe kosten natürlich extra.