Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Erinnern wir uns. In den 1960ern, vermehrt auch in den 1970ern und in Österreich eigentlich erst seit den 1980ern - Stichwort Kurt-Waldheim-Affäre - sind plötzlich Kinder und Enkelkinder vor ihren Eltern und Großeltern gestanden und haben gefragt: "Wie war das damals? Wie der Hitler gekommen ist? Wie sie die Juden weggebracht haben? Was hast du getan? Oder gesagt? Oder wenigstens gedacht?" Da sind die liebe Oma und der liebe Opa plötzlich sehr laut - oder sehr leise - geworden. Was aber, wenn wir das nächste Mal die Befragten sind? Was werden wir dann sagen?

Die nachfolgende Generation: Du hast doch gewusst, dass die armen Menschen in Idomeni mit Tränengas angegriffen werden?

Wir: Was . . . Idome . . . wie? Nein, also ich hab nix gewusst! Ehrlich! Ich hab nur "Dancing Stars" geschaut!

Monatelang?

Zuerst. Dann "Germanys Next Topmodel", "Dschungelcamp", "Sing meinen Song", "Seitenblicke" und die "Millionenshow". Ich hab echt keine Zeit gehabt.

Und wie das Asylrecht de facto abgeschafft wurde? Was hast du da gemacht?

Naja, nix. Ich hab ja kein Asyl gebraucht. Obendrein ist da gleichzeitig eine fürchterliche Katastrophe passiert: Zwei ÖFB-Teamspieler sind verletzt ausgefallen. Zwei! Kurz vor der EM! Das war eine Katastrophe!

Aber dass in dem Land, wo die EM gespielt wurde, seit Monaten der Ausnahmezustand geherrscht hat, hast du schon mitbekommen?

Ausnahmezustand! Das klingt so wichtig. Schau, wir sind doch in Österreich. Da sind doch die Ausnahmen sowieso die Regel.

Aber du musst doch gehört haben, dass in den EU-Hotspots auf den griechischen Inseln die Flüchtlinge interniert worden sind wie Kriminelle, ohne Zugang zu rechtlichem Beistand, teilweise sogar ohne fließendes Wasser, umzäunt von Stacheldraht, bewacht von Sicherheitsdiensten?

Also im Kleinformat stand nichts davon. Und was anderes hab ich nicht gelesen.

Aber es gab doch das Internet!

Jaaaaa, schon. Aber da ist man dann immer so leicht . . . hüstel . . . woanders . . . ähem . . . hängen geblieben
. . . und . . . Griechenland . . . da waren wir schon so oft auf Urlaub, da haben wir uns gedacht, das geht mich jetzt nichts an, wir fahren ja heuer eh woanders hin.

Aber hier geht es doch nicht um Urlaub, sondern um Menschenrechte.

Ja. Aber Urlaub ist ja auch ein Menschenrecht, oder?

Herr, schmeiß Hirn vom Himmel! Aber über die Panama-Papiere hast du schon Bescheid gewusst?

Klar! Das hab ich dir doch vorgelesen: "Oh wie schön ist Panama!"

Und der ganze Plastikmüll im Meer?

Ja, das wird schwierig. Was soll man auch sagen: "Ich hab nur meine Pflicht getan, ich war shoppen." Oder: "Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen! Dieses Unterdrückungssystem damals! Werbung, Werbung, Werbung! Da ist man gar nicht zum Nachdenken gekommen!" Besser wäre es, sich jetzt schon gute Ausreden zu überlegen. Also ich weiß schon, was ich sagen werde: "Schau, Ich hab diese kleine Kolumne darüber geschrieben."

Und? Das war alles??? Hat das irgendwas gebracht?

Tja . . . gute Frage.

Severin Groebner