Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Vor knapp zehn Jahren konstatierte ich in meinem "Kleinen Handbuch der bedrohten Wörter Österreichs", dass es dem Adverb "bisher" an den Kragen geht: Es wird von "bislang" verdrängt. Vorbehalte gab es schon im 19. Jahrhundert. Als Jacob Grimm "bislang" in sein "Deutsches Wörterbuch" aufnahm, schrieb er als Erläuterung: "Es fehlt ganz in den Wörterbüchern, ist aber im Munde der Geschäftsleute, namentlich im Hannöverischen sehr beliebt." Etwas später meinte ein Sprachpfleger über "bislang": "Dieser Neuankömmling gibt sich redlich Mühe, hoffentlich vergebliche, das klassische Wort ,bisher‘ zu verdrängen. Es dürfte sich empfehlen, diesen unsicheren Kantonisten wieder laufen zu lassen."

Dieser Wunsch blieb unerfüllt. Der Rechtschreib-Duden hat den Zusatz "nur regional" inzwischen gestrichen, das "Österreichische Wörterbuch" hat "bislang" ohne Vorbehalte aufgenommen. Beide Wörterbücher geben als Bedeutung "bis jetzt" an.

Das ist ungenau. Ein Beispiel: "Er hat sich bisher/bislang anständig verhalten." Da blickt man auf einen längeren Zeitraum zurück und spekuliert, ob es in der Zukunft so weitergeht. Hätte man keine Bedenken, würde man sagen: "Er hat sich anständig verhalten."

Anders sieht die Sache bei "bis jetzt" aus. Hier geht es nicht um einen längeren Zeitraum in der Vergangenheit, sondern um jenen Zeitpunkt der Gegenwart, von dem aus beurteilt wird. "Er hat sich bis jetzt anständig verhalten." Gemeint ist: bis zum heutigen Tag. Der Unterschied zwischen "bisher/bislang" und "bis jetzt" wird auch in folgenden Beispielen deutlich: "Ich habe bisher als Freiberufler gearbeitet." (Ich hatte nie eine feste Anstellung.) "Ich habe bis jetzt gearbeitet." (Es ist Zeit, eine Pause zu machen.)

Die Sportkommentatoren müssen hier besonders vorsichtig sein. Kaum haben sie die Aussage gemacht, dass eine Mannschaft nichts zusammenbringt, schon erzielt sie ein Tor. Daher ist in dieser Branche "bis jetzt" recht beliebt. Neuerdings hört man im deutschen Fernsehen stattdessen häufig "bis hierhin": "Die Heimmannschaft hat bis hierhin keine Torchancen herausgespielt."

Die temporalen Adverbien haben Hochkonjunktur, weil die Tempora immer mehr an Bedeutung verlieren. Das Präteritum ist dazu da, um abgeschlossene Ereignisse darzustellen. "Grillparzer arbeitete an ,Sappho‘ - dann machte er einen Spaziergang." Das Perfekt dient hingegen dazu, Vergangenes zu beschreiben, das bis in die Gegenwart reicht: "Grillparzer hat ,Sappho‘ geschrieben - wir freuen uns, wenn das Stück neu inszeniert wird."

In gleicher Weise sagen wir in der Früh, wenn wir das Fenster öffnen: "Oh, es hat geregnet!" Und nicht: "Oh, es regnete."

Leider geraten diese Regeln in Vergessenheit. Manchmal wird "bisher/bislang" fälschlich im Präsens verwendet: "Der Politiker schweigt bisher zu den Vorwürfen." Das ist regelwidrig. Hinzu kommt, dass das Präteritum allmählich vom Perfekt verdrängt wird. In der Alltagssprache verwenden wir ohnedies nur das Perfekt, nie das Präteritum. Deshalb müssen Adverbien in die Bresche springen. Wir brauchen sie zur Orientierung im Fluss der Zeit. Nicht nur bei der Beschreibung eines Fußballspiels.