Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Nachdem ich meine Fachbibliothek nach Werken mit einschlägigen Theorien zur Entscheidungsfindung auf tiefere Einsichten hin durchsucht hatte, mich aber nicht entscheiden konnte, welchem der eher rational oder intuitiv, ad hoc oder situativ orientierten Ansätze ich folgen sollte, kam mir die geniale Idee, die Sache an Experten outzusourcen: Ich rief einfach Entscheider an. Die habe ich im Bekanntenkreis, Leute, die den ganzen Tag nichts anders tun als entscheiden. Denen also unterbreitete ich die Bitte, mir in wenigen Worten zu erläutern, was für sie das Entscheidende bei Entscheidungen sei. Oh, sagte der erste, Entscheidungen zu treffen, sei eine einsame Angelegenheit.

Klingt ein wenig wie eine Plattitüde, sagte ich (wir kennen uns). Entscheidungssituationen seien irgendwie auch Plattitüden, antwortete mir der Entscheider - und entschuldigte sich, er müsse in eine entscheidende Sitzung.

Das war gut, denn in der Sekunde kam der Rückruf eines anderen Befragten: Entscheidungen, sagte der schwärmerisch, sei die edle Kür der Führung, und wenn es (man ahnte unterdrücktes Schmunzeln) nach ihm gehe, die Kunst, Arbeit so zu delegieren, dass am Ende für einen selber keine mehr übrig sei. Damit konnte ich nun etwas anfangen. Doch der nächste Anrufer machte die Hoffnung wieder zunichte, eine klare Maxime gefunden zu haben, obwohl oder gerade weil er sich auf eine uralte Strategie bezog: die Liste, auf der man einerseits alle Argumente niederschreibt, die für eine Entscheidung stehen, andererseits die Gegenargumente. Am Ende, sagte er, wäre nur eines klar: In den meisten Fällen sei eine Entscheidung unmöglich. Das klingt fatalistisch, sagte ich.

Nun ja, sagte er, wir seien nun einmal Geworfene, stets dem Zwang zur Entscheidung ausgesetzt, auch da, wo es keine geben könne. Das wiederum klänge ja geradezu existenzialistisch, wollte ich noch ergänzen, unterdrückte aber den Impuls, weil ich mir die Antwort vorstellen konnte. Aber das Motiv kehrte wieder, fast im Sinne der Sartre’schen Philosophie. Sie wissen schon, dieses fatalistischen Leitmotiv: "Die Hölle, das sind die Anderen". Düster und ausweglos. Trotzdem Zwang zum Handeln. Und immer dabei: die Anderen. Deren richtige Entscheidungen, sagte mir ein weiterer Gewährsmann, seien viel schlimmer als die eigenen falschen Entscheidungen. Vor allem, weil man sie, selbst wenn sie vorhersehbar seien, nicht verhindern könne. Klingt wie ein Spiel, sagte ich. Das ist richtig, kam der Return, Entscheiden sei ja im Grunde ein Spiel.

Ich hätte es wissen müssen, konnte aber gerade noch Ausführungen zum Gefangenen-Dilemma und andere metaphorische Ausschweifungen unterdrücken, indem ich selber eine Plattitüde einbrachte und antwortete, es stünde ja eben auch viel auf dem Spiel. Witzig, meinte mein Gegenüber. War nicht so gemeint, sagte ich. Und entschied mich, das Verfahren abzubrechen. Danach fühlte ich mich ein wenig einsam.