Stell dir vor, dein einziges Kind wird am hellichten Tag entführt, während du vielleicht hundert Meter hinter ihm auf einem Waldweg unterwegs bist, und es fehlt jede Spur. Diesen Alptraum und seine Folgen schildert Gilly Macmillan in ihrem Romandebüt "Toter Himmel" aus der Sicht einer geschiedenen Mutter und eines ermittelnden Polizisten - und darin liegt die Stärke dieses Buchs: Die Autorin ergeht sich nämlich nicht in Schilderungen des Martyriums des Kindes, das (hoffentlich) irgendwo festgehalten wird (und nicht gleich ermordet wurde) und weidet sich daran, sondern sie schildert die andere Seite, nämlich wie die Angehörigen und die Ermittler mit dem Fall umgehen. Wie die Medien sich Aasgeiern gleich darauf stürzen. Wie die Familie daran noch weiter zu zerbrechen droht. Wie eine Sackgasse nach der anderen angesteuert wird. Wie die Mutter selbst auf einmal zur Verdächtigen wird. Man fühlt sich dabei als gelernter Österreicher auch zeitweilig an den medialen Umgang mit dem Fall Natascha Kampusch und deren (Stief-)Eltern erinnert. Das Schlimmste aber ist die Botschaft, die unweigerlich mitschwingt: Es gibt Situationen, auf die man sich einfach nicht vorbereiten kann. Und die jedem passieren können - auch wenn sie niemand verdient hat.

Gilly MacMillan: Toter Himmel
Knaur; 544 Seiten; 15,50 Euro