Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.
Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.

Es war wieder einmal soweit. Der Kauf einer neuen Blue Jean stand an. Seit die Firma Lee vor etwa zehn Jahren ihr Röhrenmodell "Phoenix", das mich viele Jahre hindurch bekleidete und begleitete, aus dem Sortiment genommen hat, ist solch ein Gang zur Mühsal geworden. Ich schiebe ihn daher immer wieder hinaus, da ich schon im Vorhinein weiß, dass die Prozedur ermüdend und das Ergebnis unbefriedigend ausfallen wird.

Die Modelle, die ich seit meiner zwangsweisen Neuorientierung erstanden habe, sind, wie soll ich sagen, "eh okay". Einige musste ich aus diesem oder jenem Grund in die Änderungsschneiderei tragen, was leider auch nicht immer den gewünschten Erfolg brachte. Und die Tatsache, dass Jeans einen gewissen Anteil an Elastikstoffen aufweisen, hat meine Kauflust auch nicht gerade befördert. (Was sind das bitte schön für Männer, die zwar eine "Blauhaut" tragen wollen, die aber dann in jeder Position ultrabequem sitzen soll?)

Ich ging also in einer meiner Jeans - zwei Prozent Elastan, nicht besonders alt und bereits an mehreren Stellen rissig, darunter in Körpermitte - zu meinem Jeans-Händler. Zunächst fragte ich die Verkäuferin, wie es sein könne, dass meine Hose, in ihrem Geschäft gekauft und bei Weitem nicht täglich getragen, sich bereits in einem derart erbärmlichen Zustand befinde.

Die Frau blickte mir lange und tief in die Augen und stellte mir dann die anscheinend alles entscheidende Gegenfrage: "Fahren Sie Fahrrad?" Mit demselben Gesichtsausdruck hätte sie mich auch fragen können: "Nehmen Sie Drogen?" Ich verneinte. Mein gutes Waffenrad wurde mir vor etlichen Jahren gestohlen - und auch bis dahin besaß ich jede Menge Jeans, die sich an den bewussten Stellen nicht übermäßig schnell abnützten.

Die nächste Erklärung für die Fadenscheinigkeit meiner Hose lautete: Die Hersteller nähmen jetzt dünnere Stoffe, weil die Herren das so wollten. (Was sind das für Männer, die . . .) Und dann begann die mir inzwischen wohlvertraute Odyssee: Anprobieren, weglegen, nächste Hose. Zu weit im Schenkel, zu eng im Bund, zu leicht und daher bald kaputt, zu viel Elastan, zu kurz, zu lang. Das volle Programm.

Die gute Frau hatte es nicht leicht mit mir. Aber wenn ich schon die ganze Prozedur auf mich nehme, möchte ich nicht beim Verlassen des Geschäfts das verspüren, was Wirtschaftswissenschafter "Kaufreue" nennen, weil ich zu viele Kompromisse geschlossen habe.

Schließlich wurde es eine klassische Fünfhunderteinser. Für meine Bedürfnisse etwas zu weit im Schenkel und dazu die mühsame Knöpfelei, dafür aber null Prozent Elastan. Und wenn ich auf ganz lässig unterwegs sein will, dann kann ich immer noch auf eine uralte Lee zurückgreifen, die bereits so durchgetragen ist, dass sie nach der derzeitigen Mode mehr wert sein dürfte als sie beim Kauf gekostet hat.