Zwei Nächte lang hatte ich die Stalltür nicht zugemacht, und die Italienerin war immer noch am Leben. Was normalerweise ein Grund zur Freude gewesen wäre, wirkte an diesem Junimorgen beinahe wie ein Schock. Denn ich hatte die Stalltür absichtlich nicht geschlossen. Nach einem halben Jahr der Sorge und des Beinewaschens und -einölens hatte ich den Entschluss gefasst, dass in meinem Hühnerhof nun die Natur die Verhältnisse wieder ins Lot bringen müsse. "Die Natur" war in diesem Fall der Fuchs oder, wenn es sein musste, auch der Marder.

Die Schieflage war entstanden, weil die Italienerin Milben an den Beinen hatte. Diese Viecher graben sich unter die Hautschuppen und legen dort Eier, die, kaum geschlüpft, weiter in den Beinen der Henne herum graben. Auf diese Weise werden Hühnerbeine erheblich umgestaltet, weswegen die Krankheit auch "Kalkbeine" heißt. Wäre die Sache nur ein optisches Problem, so wären ich und erst recht die Henne gut damit zurecht gekommen. Aber diese Parasiten quälen ihr Wirtstier erheblich, sodass die Hennen nicht mehr schlafen und irgendwann auch nicht mehr schmerzfrei gehen können.

Als der Hahn diesen Mangel an der Italienerin entdeckte, handelte er. Er und die Jüngste aus der Schar waren ein unermüdliches Team. Sie wollten die Italienerin loswerden. Sie peckten und rupften sie gnadenlos, bis sie stellenweise kahl war und blutete, obwohl ihre Beine längst wieder gesund waren. Als ich an der Wiener veterinärmedizinischen Universität via E-Mail nachfragte, ob dies ein typisches Verhalten sei und was ich für die Italienerin tun könne, erhielt ich keine Antwort. Dieselbe Anfrage in die Schweiz brachte folgende Erkenntnis: Die Henne müsse wieder ganz schön sein, das Federkleid komplett und alle Wunden verheilt, dann könne ich einen letzten Eingemeindungsversuch starten. Wenn der nicht funktioniere, dann müsse der Hahn "gehen".

Am Ende des Versuchs blutete die Italienerin wieder am Kopf. Mit einem flauen Gefühl im Magen bedachte ich die Möglichkeiten: Entweder wartete ich, bis der Hahn mit seiner Spießgesellin die Italienerin umgebracht hatte, oder ich köpfte den Hahn und seine Herzdame. In dieser misslichen Lage ließ ich die Stalltür offen, damit der Fuchs mein Pro-blem löse. Doch der tat nichts dergleichen. In diesem düsteren Moment erzählte mir eine Freundin von einer Arbeitskollegin, deren Schwester gerne ein Hendl in ihrem Garten hätte. Ich rief gar nicht sofort an, weil ich Angst hatte, dass sich die Hoffnung als trügerisch erweisen könnte. Doch wir hatten Glück. Die freundliche junge Dame gibt fortan meinem Sorgenkind ein Obdach.