Hermann Schlösser, geboren 1953 im Worms, lebt als "extra"-Redakteur in Wien. 
Hermann Schlösser, geboren 1953 im Worms, lebt als "extra"-Redakteur in Wien. 

Sie waren Geschwister, und die Verwandtschaft bedeutete ihnen viel. Fritz, der älteste, wäre jetzt 101 Jahre alt, Liesel, die jüngste, hätte vor wenigen Wochen ihren 95. Geburtstag gefeiert. Dazwischen gab es den Willi, der heuer 96, und den Karl, der 99 Jahre alt wäre.

Karl war mein Vater, Fritz mein Patenonkel. Aber die andern zwei habe ich auch gut gekannt, denn es herrschte bei uns eine eifrige Besuchstätigkeit. Es war üblich, dass die vier Geschwister (samt ihren Ehepartnern) bei den anderen in unregelmäßigen Abständen vorbeikamen, um zu schauen, wie es geht. Genauso selbstverständlich bin auch ich als Kind nachmittags bei meiner Tante Liesel aufgetaucht, um mir eine Tasse Kakao oder ein Stück Kuchen servieren zu lassen. Da musste ich nicht vorher anrufen und einen Termin vereinbaren. Störte ich, wurde ich weggeschickt. Aber in den sehr ruhig verlaufenden Zeiten meiner kleinstädtischen Jugend kam ich fast nie ungelegen.

Die vier Geschwister sahen sich ähnlich, aber ihre Charaktere waren verschieden. Fritz war ein schrulliger Grübler, Karl ein energischer Tatmensch, Willi ein verträumter Spaßvogel und Liesel eine Freundliche, die ihre Gutmütigkeit hinter einem ruppigen Auftreten versteckte.

Aber so unterschiedlich die vier auch waren, so viel hatten sie doch gemeinsam. Sie konnten zum Beispiel sehr schön miteinander singen. Das hatten sie als Kinder schon getan, und als Erwachsene hielten sie an ihrer Gewohnheit fest. Sie setzten sich oft zusammen und sangen ihre alten Lieder. Wer wollte und konnte, durfte mitsingen, aber die stabile Grundlage des Familienchores bildeten die vier. Sie sangen sehr sicher, auch mehrstimmig, und sie wussten ungeheuer viele Texte auswendig.

Ihr Repertoire reichte von Kirchen- und Volksliedern bis hin zu Kanons wie "Abendstille überall". Aber auch die Schlager ihrer Zeit trugen sie mit ironischem Vergnügen vor: "Zwei Cowboys aus dem wilden Arizona verliebten sich in Black Mary". Wenn sie nicht sangen, dann redeten sie. Die Redseligkeit war ebenfalls eine Familieneigenschaft. Stundenlang konnten sie das Naheliegende ebenso besprechen wie die große Politik.

Dabei waren sie nicht immer einer Meinung, es kam zu heftigen Wortwechseln, manchmal ärgerten sie sich danach eine Weile übereinander. Aber zu einem dauerhaften Zerwürfnis ist es zwischen den vieren nie gekommen. Sie waren schließlich Geschwister. Außerdem hatten sie allesamt einen ausgeprägten Sinn für Witze und dumme Sprüche. Das half ihnen über den Ärger hinweg. Wenn einer von ihnen etwa in die Runde fragte: "Wären Sie mal so gut und hätten Sie meinen Hund gesehen?", dann lachten sie zusammen und waren wieder versöhnt.

Ja, so war das früher, aber so ist es nicht mehr. Fritz, Karl, Willi und Liesel liegen schon seit geraumer Zeit in verschiedenen Gräbern auf demselben Friedhof in der kleinen deutschen Stadt Worms; denn sesshaft wie sie waren, sind sie alle dort gestorben, wo sie auch geboren sind.