Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

"20 Jahre Rechtschreibreform" - unter diesem Titel bat die "Krone" vor wenigen Tagen einen Kritiker und einen Befürworter der Reform um ihre Meinung. Der Kritiker war ein Studiendirektor im Ruhestand, was immer das sein mag. Seine Meinung wurde unter dem Titel "Milliardenkosten und Verwirrung" zusammengefasst. Leider blieb er uns die Antwort schuldig, warum die Reform Milliardenkosten verursacht haben soll. In seiner anschließenden Argumentation widerlegte sich der Studiendirektor selbst, denn die "klassischen Bücher der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts" von Robert Musil bis Ingeborg Bachmann "sind nicht umgedruckt worden".

Na bitte! Und Schulbücher werden ohnedies alle paar Jahre neu aufgelegt, denn hohe Lagerbestände stellen für die Verlage ein größeres Problem dar als Änderungen und Nachdrucke; sie sind mit den heutigen Technologien rasch und billig zu bewerkstelligen. Selbst auf der Straße finde ich nach wie vor die alte Rechtschreibung, zum Beispiel in der Bezeichnung "Schönbrunner Schloßstraße".

Der Befürworter der Rechtschreibreform war ein Sektionschef des zuständigen Ministeriums. Er wies darauf hin, dass das Ziel der Reform eine Vereinfachung der Regeln war - und dies sei erreicht worden. Auch sein Hinweis auf den permanenten Sprachwandel war nützlich, das Beispiel allerdings unpassend: Früher schrieben wir "sie treffen einander", heute gilt "sie treffen sich" als richtig. Das ist kein Thema der Rechtschreibung, sondern der Grammatik, und war nicht Gegenstand der Rechtschreibreform.

Die Grammatiker beobachten gewissenhaft den Sprachgebrauch. Immer wieder müssen sie klein beigeben: Wenn die Mehrheit der Menschen "sie treffen sich" sagt und schreibt, so müssen wir es irgendwann als richtig anerkennen - ob es uns lieb ist oder nicht.

Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, diesen Grundsatz auch bei der Rechtschreibreform anzuwenden: Wenn immer mehr Menschen Gämse statt Gemse schreiben, dann soll Gämse die Norm sein. Allerdings sind nur wenige der Versuchung erlegen, Gämse zu schreiben - obwohl wir dieses Tier umgangssprachlich als Gams bezeichnen und Gamsbart sagen, niemals Gämsenbart. Die alte Schreibung mit e war ein Systemfehler, aber wir haben uns an das Schriftbild Gemse so sehr gewöhnt gehabt, dass uns die Gämse missfiel. Wohl deshalb entstand der Eindruck, dass die Reform willkürlich "von oben" kam.

Dass in vielen Fällen eine neue Wahlfreiheit entstand, wurde übersehen. So ist beispielsweise die neue Schreibung Majonäse genauso erlaubt wie die alte Schreibung Mayonnaise. Auch die Klein- und Großschreibung sowie die Getrennt- und Zusammenschreibung wurden liberalisiert - das ist gut so.

Seltsamerweise wettert gerade der Duden-Wörterbuchchef gegen die neuen Freiheiten. Es ist der Duden, der in Gelb unterlegten "Empfehlungen" als Oberlehrer der deutschen Sprache auftritt und den Menschen sagt, welche Variante sie bevorzugen sollen: in diesem Fall Mayonnaise. Das ist nicht im Sinn der Erfinder.

Ceterum censeo: Wir sollten uns nicht am Duden, sondern am Österreichischen Wörterbuch orientieren.