Wenn dereinst ein intelligenter Algorithmus anhand zufällig aufgenommener Fotos des öffentlichen Lebens die prägende Ikonografie für unsere Zeit zu identifizieren haben wird, könnte sich dies ergeben: gesenkter Kopf, fokussierter Blick, Isolation in der Masse derer, die sich auf eben diese Weise isolieren, und im Fokus all dessen das Smart-Phone - Eingangstor zu den mit einem entrückten Euphemismus bezeichneten sozialen Medien -, das Navigationsgerät der Mehrheitsbewegung durch Apps, die uns dorthin führen, wo auch andere schon waren, und zwar deshalb, weil sie Informationen folgten, wo wir schon waren und so fort, was nun, nach dieser eher abstrakten Einleitung die knirschende konkrete Frage aufwirft, wie bitte noch eine innovative Zukunftsgestaltung möglich sei: Was sähe man denn, wenn der Blick sich vom stetig funkenden Rechteck löste und frei umherirrte, dies während man einfach nur so vor sich hinginge?

Ich will die Antwort mit einem Beispiel einleiten, und natürlich stammt dieses Beispiel aus der Hauptstadt der analogen Wirklichkeit - Wien. Mitte der Achtziger Jahre tauchte im Stadtbild eine Plakatwerbung für Dessous auf, gestaltet als Triptychon, auf dessen drei Tafeln, wie man sich erinnern wird, Cindy Crawford die Kundinnen mit jeweils einem Wort ermunterte: Trau. Dich. Doch. Frau Crawfords Haltung inszenierte unmissverständlich Erotik. Die Kampagne war höchst erfolgreich, aber eigentlich nicht so sehr, weil sie irritierte und mit vielem brach, was bislang öffentlich war. Auch die Irritationen entstanden weniger wegen der öffentlichen Zurschaustellung der Weiblichkeit, als wegen eines diffusen Gefühls der Vertrautheit.

Genau das war der kleine Streich: Die Werber hatten in ihre Bebilderung des luxuriösen Darunter eine uralte Ikonografie eingebaut, die nur sichtbar wurde, wenn man, durch die Stadt flanierend, den Blick auf die oberen Stockwerke der Fassaden richtete, wo - in eben der Stellung, die das Plakat reinszenierte - Karyatiden und Atlanten in steinerner Erotik wirkten. Man sah dies natürlich nur dann, wenn man sich, wie in seiner inspirierenden Textsammlung "Ermunterung zum Genuß" der berühmteste Protagonist dieser vergessenen "Kunst des Spazierengehens", Franz Hessel, schrieb: gehen ließ. "Eine Schule des Sehens", die Hessel später vorführte, als "Flaneur in Berlin", im "Versuch mit Wien" oder im berühmten "Pariser Tagebuch", das entstand, weil Hessel sich, lustvoll flanierend und fasziniert durch unerwartete Impressionen, von der Aufgabe ablenken ließ, einen Essay über Paris zu schreiben und genau dadurch seinem Thema näher kam.

Diese Kunst wird wiederentdeckt werden müssen, um in dem, was die Vergangenheit bereithält, das Muster für Kreatives zu entdecken, das Eigentümliche, wie es jener Blick für das Motiv der Karyatiden als Vorspiel einer Werbung des 20. Jahrhunderts zeigt. Also: Kopf hoch. Blick zurück nach oben, auf dass neue Ideen entstehen - nur eine bitte nicht: eine Fußfessel, die Flaniermeilen zählt!