Andreas Rauschal, Jahrgang 1984, widmet sich in der "Wiener Zeitung" vor allem der Popkultur.
Andreas Rauschal, Jahrgang 1984, widmet sich in der "Wiener Zeitung" vor allem der Popkultur.

Was einem so einfällt, wenn man - urlaubsbedingt - Texte vorschreibt und somit noch vor dem Beginn der Olympischen Sommerspiele an Rio denkt: Doping, Rekordjagden, die Frage, wer synchroner vom Turm springt oder rhythmischer sportgymnastet. Unendliche, extreme, ja demütige Dankbarkeit dafür, dass "DJ" David Guetta einmal nicht damit beauftragt wurde, das "musikalische" Rahmenprogramm zu bestreiten. Die Tatsache, dass ab 2020 neben Baseball, Softball und Karate auch Sportklettern, Skateboard und Surfen olympische Disziplinen sein werden. Die Taktik der Athleten in Hinblick auf die Verlockungen der brasilianischen Küche, die nun wirklich nicht als Schonkost bekannt ist. Der Umstand, dass das wenigstens den nicht auf die gute alte FdH-Diät oder Low-Carb-Programme angewiesenen Ringern und Gewichthebern scheißegal sein kann. Oder auch der medial für ein paar Wochen ziemlich nach oben ziehende Einsatz von Wörtern mit "Z" (zumindest: Zögern, Zittern, Zähne zeigen, Zika, Zweikampf, Zeitverschiebung, Zentrifugalkraft, Ziel, Zuckerhut)!

Woran man bei Rio 2016 aber auch denken könnte, sollte - und muss: Am 20. August vor auch schon wieder 20 Jahren starb mit Rio Reiser einer der "z" wie zen-tralsten deutschsprachigen Songwriter nicht nur seiner Genera-
tion viel zu früh im Alter von nur 46 Jahren. Gemeinsam mit seiner Band Ton Steine Scherben machte Reiser die Kombination von Rock ‚n‘ Roll und deutschen Texten erst salonfähig, ging mit früh im Eigenverlag veröffentlichten Alben einen versuchten Weg weg von der Musikindustrie und verknüpfte einen politisierten, betont linken Anti-Establishment-Kurs mit der Rolle des poetisch-zärtlichen Liedermachers.

"Keine Macht für Niemand", "Macht kaputt, was euch kaputt macht!": Rio Reiser bewies mit Parolen, die einer harten linken Geraden glichen, nichts weniger als die Durchschlagskraft von Cassius Clay bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom. Seine Liebesbekenntnisse waren sanfter als die Landung Ingrid Wendls nach einem doppelten Axel. Und er begegnete Hindernissen nach der zunehmenden Überschuldung seiner Band wie einst Allen Johnson im 110-Meter-Hürdenlauf mit Ignoranz und Verachtung.

"Wenn niemand bei dir ist, und du denkst dass keiner dich sucht / Und du hast die Reise ins Jenseits vielleicht schon gebucht / All die Lügen geben dir den Rest / Halt dich an deiner Liebe fest!"

In den besten Liedern Rio Reisers schimmerte noch im dunkelsten Dunkel und in den Momenten der größten Verzweiflung Hoffnung und Licht. Rio, 2016, das ist es, woran wir unbedingt auch denken müssen.