Irene Prugger, geboren 1959, lebt als freischaffende Schriftstellerin und Journalistin in Mils in Tirol.
Irene Prugger, geboren 1959, lebt als freischaffende Schriftstellerin und Journalistin in Mils in Tirol.

Plötzlich lag es auf dem schön gedeckten Tisch, das kleine Schächtelchen, und verdarb uns den Appetit. Wer will beim Genuss von Hühnersüppchen und Kürbislasagne schon zwei Reihen arg verfaulter Zähne sehen. Ignorieren funktioniert in so einem Fall kaum, das Faszinosum des Ekels tut seine anziehend abstoßende Wirkung. Nein, da hatte niemand sein kümmerliches Gebiss ausgepackt, da hatte bloß ein Raucher seine Zigarettenpackung auf den Tisch gelegt, um sich zwischen Hauptgang und Nachspeise rücksichtsvoll draußen am Balkon einen Glimmstängel anzuzünden.

Der ekelerregende Aufdruck auf der Packung schien ihn nicht zu stören. "Ach, das Bild? Das sehe ich gar nicht mehr. Aber ich stecke die Packung wieder weg, wenn es euch missfällt!" Er war ein höflicher Raucher, der auch darauf verzichtete, einschlägige Anekdoten zu erzählen. Etwa jene von der Raucherin, die plötzlich erblindete und deshalb die Warn-Aufschriften auf der Zigarettenpackung erst gar nicht mehr lesen konnte. Worauf die triumphale Pointe folgt, dass es sich dabei um die 119-jährige Französin Jeanne Calment handelte, die ab jenem Zeitpunkt das Rauchen ließ und mit 122 Jahren starb, nachdem sie 100 Jahre lang genüsslich gepafft und inhaliert hatte. Calment hatte wohl eine teerschwarze Lunge, aber ebensolchen Humor: Auf die Frage, wie sie sich die Zukunft vorstelle, sagte sie zu Journalisten an einem ihrer letzten Geburtstage: "Sehr kurz!"

Als bedrohliche Zukunftsaussichten scheinen die Abbildungen von faulen Zähnen, zerrütteten Lungen, Raucherbeinen, offenen Wunden, Tumoren, blutspuckenden oder aufgebahrten Menschen jedenfalls nicht besonders ernst genommen zu werden. Die von der EU verordneten Schockbilder sind eher eine Frage des Designs als des Seins. Ich kenne Raucher, die diese Ekelbilder mit netten Bildern ihrer Familie abdecken.

Die Warntafeln neben der Autobahn mit der Aufforderung, das Tempo zu drosseln und genügend Abstand zu halten, sind zwar meistens optisch nicht so grauslich gestaltet, zeigen aber ebenso aufrüttelnde Inhalte, die in ihrer zugespitzten Drohung oft schon zynisch klingen: "Einer rast, zwei sterben." Oder: "Gabi, Frank, Mia und Max T. wollten schnell nach Hause" steht da am Plakat in einer schwarzumrandeten Todesanzeige.

Fahre ich langsamer, wenn ich so etwas sehe? Nicht unbedingt, ich muss mich nur vorsehen, damit die traurigen Bilder meinen Blick nicht zu sehr von der Fahrbahn ablenken. Die Aufschrift auf dem Warnplakat für Motorradfahrer, "Gib deinem Schutzengel eine Chance", verstehe ich ohnedies als Aufforderung zum Leichtsinn, weil der Schutzengel seine Chance ja nur wahrnehmen kann, wenn jemand in Gefahr gerät.

Die Schockbilder auf den Zigarettenpackungen, für die es von einer deutschen Raucher-Internet-Plattform schon Sammelalben gibt, gehen mir jedoch noch richtig unter die Haut, sie sind für mich abschreckend. Nur muss ich dazu sagen, dass ich sowieso nicht rauche.