Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Unlängst habe ich mich an dieser Stelle über krampfhafte Eindeutschungen lustig gemacht - am Beispiel des Ersatzwortes für Airbag: Prallkissen. Um die Bedeutung von prallen anzudeuten, habe ich eine Torberg’sche Anekdote wiedergegeben: "Sitzt ein Gast im Tonello, ein Lokal, das nicht weit entfernt vom Restaurant des Gustav Neugröschl liegt, und wartet ewig auf das bestellte Scholet, einen deftigen Eintopf mit Bohnen. Schließlich eilt der Kellner herbei und bedauert, dass das Scholet noch auf sich warten lasse; er müsse sich noch ein wenig gedulden. Darauf der Gast: ,Was? Noch immer kein Scholet? Bei Neugröschl prallen sie schon.‘"

Mir war klar, dass diese Darstellung der Anekdote auf Widerspruch stoßen wird. Denn Friedrich Torberg formuliert die Pointe in der "Tante Jolesch" anders: "Bei Neugröschl wird schon gerülpst." Und er

verschweigt die Bestandteile eines Scholets.

"Wiener Zeitung"-Leser Thomas Römer wies mich auf diesen Widerspruch hin. Und er war Augen-

und Ohrenzeuge einer Lesung Torbergs, in der dieser statt rülpsen das jiddische Wort grepzn verwendet hatte.

Aber ich habe mich nicht aus Jux und Tollerei für den Ausdruck prallen entschieden. Bei der Recherche für mein Buch "Die Tante Jolesch und ihre Zeit" studierte ich in der Nationalbibliothek die umfangreiche Korrespondenz Torbergs. Unter den zahllosen Leserbriefen fand sich

das Protestschreiben eines Max Rieger aus Wien. Der Ausspruch

im Tonello habe in Wirklichkeit anders gelautet: "Bei Neugröschl prallen sie schon."

Torberg gab sich zunächst konziliant: "Richtig ist, dass der Ausspruch bei Tonello in der von Ihnen zitierten Fassung getan wurde. Ich

habe aus Gründen der sogenannten ‚guten Manieren‘ absichtlich falsch zitiert, weil in diesem Zusammenhang der von mir verwendete Ausdruck die gleichen Dienste tut wie der originale."

Dies wollte Rieger nicht gelten lassen. "Abgesehen davon, ob man ein Zitat bewusst unrichtig anführen darf, spüren Sie nicht, dass durch dieses falsche Zitieren ad usum Delphini der Ausspruch schon

rein phonetisch um seine halbe Wirkung kommt? Goethe lässt seinen Götz auch nicht zum Fenster hinaussagen: ‚Der Hauptmann möge mich gernhaben.‘ Oder glauben

Sie, dass die Ohren unserer Gegenwart empfindsamer sind, als die

der Werther-Zeit?"

Ad usum Delphini! Hatte ihn der Leserbriefschreiber wirklich als Zensor und Moralapostel hingestellt? "Die edle Hartnäckigkeit, mit der Sie an Ihrem Standpunkt festhalten, veranlasst mich, trotz meiner chronischen Zeitnot, zu einer Antwort, die, wie ich hoffe, den Sachverhalt endgültig klären wird. In der ‚Tante Jolesch‘ finden sich noch ganz andere erheblich derbere Ausdrücke. Eben darum habe ich dort, wo Derbheit nicht erforderlich war, von ihr Abstand genommen."

Auch der Hinweis auf Goethes Götz verärgerte ihn. "Ein anonymer Gast eines Wiener Restaurants lässt sich doch wohl nicht mit einer Gestalt der klassischen Literatur vergleichen. Ganz abgesehen davon, dass die zitierte Anekdote apokryph und wahrscheinlich erfunden ist, so dass die Form ihrer Wiedergabe durchaus dem jeweiligen Erzähler überlassen bleiben darf." Und so soll es sein.