Hans-Paul Nosko, geboren 1957, hat Rechts- und Staatswissenschaften studiert und lebt als Journalist und Glossist in Wien.
Hans-Paul Nosko, geboren 1957, hat Rechts- und Staatswissenschaften studiert und lebt als Journalist und Glossist in Wien.

Wenn das Ende des Jahres naht, erscheinen verlässlich in Zeitungen und Magazinen Rückblicke auf das sich vollendende und Voraussagen für das bevorstehende Jahr. Es werden Trend- und Meinungsforscher bemüht, die aus der Summe des Vorgefallenen beziehungsweise aus Umfragen auf zu erwartende Entwicklungen sowie Stimmungen in der Bevölkerung zu schließen versuchen, wohin die Reise geht. Einige Wochen vorher, also gerade in diesen Tagen, landen mit ebensolcher Gewissheit die Kataloge diverser Versandhäuser in unseren Briefkästen.

Dass genannte Forscher sich irren können - und dies auch tun, haben einige der in- und ausländischen Urnengänge der jüngsten Vergangenheit bewiesen. In den bunten Broschüren der Bestellfirmen wiederum machen Geschäftsleute sich Gedanken, was die Menschen bewegt und wofür diese bereit wären, ihr Geld auszugeben. Und manchmal habe ich den Eindruck, dass sie zumindest kein schlechteres Gespür haben als die Damen und Herren aus der Markt- und Meinungsforschung. Am zuverlässigsten erscheint mir ein Heftchen, in dem auf der zweiten Seite ein Herr mit grau meliertem Haar und Krawatte Qualität und Originalität der darin aufgeführten Produkte anpreist. Die Mischung besteht zumeist aus praktischen und/oder stilvollen Artikeln für Geschäftsleben, Freizeit und Haushalt.

Die Bereiche, die diesmal am häufigsten vertreten sind, heißen "Sicherheit" und "Retro". Letzteres etwa in Form einer Fotokamera, die aussieht wie aus den Sechzigern, aber digital zu bedienen ist; weiters ein Radioapparat, der, wenn man den Holzdeckel hochklappt, Schallplatten abspielen kann und einen Kassettenschlitz besitzt - allerdings auch ein CD-Fach und einen USB-Eingang.

Fürs Sicherheitsgefühl finden sich Dinge wie: ein Ledertäschchen, das Autoschlüssel und Handy vor dem Ausgespähtwerden bewahrt, ein Anhänger für Damenhandtaschen, der als Alarmsirene fungiert, oder ein Trolley, dessen Standort mittels Smartphone jederzeit abrufbar sein soll.

Das hat der Herr mit der Krawatte gut erkannt: Viele Menschen haben Angst, auch vor der Zukunft, und wünschen sich in die gute, alte Zeit zurück, in der Fotoapparate zwar komplizierter zu bedienen waren als Handys, aber dafür wie Fotoapparate aussahen, oder man den Tramperrucksack noch am Hauptplatz einer fremden Stadt stehen lassen konnte, ohne dass er für ein Bombenversteck gehalten wurde.

Politisch orientiert ist dieser Katalog - im Unterschied zu Meinungsumfragen - eigentlich nie. Nur diesmal gibt er beinahe ein Statement ab. Wir sehen Chronographen im Pilotenstil übertitelt mit den Worten "Tragen Sie die Uhr, nach der sich auch der amerikanische Präsident richtet". Angeblich erhielt Obama dieses Modell von seinen Leibwächtern zum Geburtstag geschenkt. Bald gehen die Uhren freilich wieder anders . . .