Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".
Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".

Wie spricht man ein deutsches Wort richtig aus? Bisher galt in diesem Fall der Grundsatz: Schlag nach im "Siebs"!

Der in Bremen geborene Theodor Siebs war Professor an der Universität Greifswald und später an der Universität Breslau. Zusammen mit anderen Sprachwissenschaftern und mit Vertretern deutscher Theaterbühnen hat er 1898 das Buch "Deutsche Bühnenaussprache" herausgebracht. Später ist der Titel auf "Deutsche Aussprache" geändert worden. Das Werk ist in zahlreichen Auflagen erschienen und war über lange Zeit maßgeblich für die deutsche Aussprache.

Allerdings ist dem "Siebs" ein großer Makel angehaftet. Das Buch hat die Aussprache nach der in Norddeutschland üblichen Sprechweise normiert. "Reine Hochlautung" - so ist das von Germanisten bezeichnet worden. Erst mit der 19. Auflage 1969 wurde eine "gemäßigte Hochlautung" zugelassen. Auch diese Ausspracheregeln waren fern der sprachlichen Realität im Süden des deutschen Sprachraums.

In Österreich waren die Bedenken besonders groß. Das führte in den 1950er Jahren zur Herausgabe eines "Beiblatts"; in diesem wurden einige Regelungen aus österreichischer Sicht adaptiert. Das war zwar eine gewaltige Verbesserung, aber keine befriedigende Lösung auf Dauer.

Nun liegt erstmals ein "Österreichisches Aussprachewörterbuch" vor, herausgegeben von Rudolf Muhr, erschienen im Peter-Lang-Verlag. Das mehr als 500 Seiten starke Werk enthält auch eine CD-ROM mit Aussprachebeispielen für Österreich, Deutschland und die Schweiz. Der ORF hat das Wissen seiner Sprecher und Moderatoren eingebracht, das Institut für elektronische Musik und Akustik an der Kunstuniversität Graz war für die technische Bearbeitung der Tonaufzeichnungen verantwortlich und hat die Datenbank erstellt. Finanziert wurde dieses verdienstvolle Vorhaben von der Oesterreichischen Nationalbank.

Es legt so nebenbei auch klare Ausspracheregeln für österreichische Ortsnamen fest. So muss beispielsweise Leonding auf der ersten Silbe betont werden, die Leondinger wissen das. Genauso Hallein, allerdings ist die falsche Betonung auf der zweiten Silbe so oft zu hören, dass sie schon Allgemeingut geworden ist und als Nebenform angeführt wird. Das "Österreichische Aussprachewörterbuch" ist nämlich deskriptiv angelegt, es stellt eine Zustandsbeschreibung unseres Sprachgebrauchs dar.

Als das Projekt initiiert wurde, war noch Eva Wächter-Kollpacher Chefsprecherin des ORF. Im Jahr 2004 hat diese Funktion Herbert Dobrovolny übernommen. Es wird seine Aufgabe sein, die Regeln dieses Werks unter den Sprechern und Moderatoren des ORF bekannt zu machen. Ausrutscher wie "Mathemat i k", also mit Betonung auf der letzten Silbe, werden uns vielleicht in Zukunft erspart bleiben. Hoffentlich auch "Gespr ä ch" mit diesem hässlichen offenen e-Laut - die Schreibung mit dem Umlaut-a darf uns nicht zu einer falschen Aussprache verleiten; das e in "Gespr ä ch" soll so wie das e in "g e ben" klingen. Gleiches gilt natürlich auch für Wörter wie "M ä dchen", "Tr ä ger" etc. Und Juan Carlos I. ist "Köni g von Spanien", kein "Köni ch ".

Dass am Burgtheater und am Akademietheater eines Tages ein akzentuiertes österreichisches Bühnendeutsch gepflegt wird, ist ohnedies Illusion. Die Sünden der Vergangenheit werden noch lange nachwirken.

Ich würde aber den dort tätigen Regisseuren und Schauspielern empfehlen, in das "Österreichische Aussprachewörterbuch" wenigstens einmal hineinzuschauen.

Wir fühlen uns ja immer als Kulturnation, warum haben wir in sprachlichen Belangen so ein unter entwickeltes Selbstbewusstsein?