Dass der mächtigste Staat einmal von einem Mann gelenkt würde, der sich mehr durch Impulsivität, Demagogie und Unberechenbarkeit als durch staatsmännischen Weitblick auszeichnete, hatte sich wohl niemand gedacht. Zumal der Aufsteiger nicht einmal zum politischen Establishment gehörte und einen nicht eben angesehenen Beruf ausübte.

Die Rede ist von Kleon, der sich in der zweiten Hälfte des 5. Jh. v. Chr. zum führenden Demagogen Athens aufgeschwungen hatte. Kleon hatte es als Gerber zu einigem Wohlstand gebracht, was ihm die Einheirat in eine der vornehmsten athenischen Familien ermöglichte: eine gute Ausgangslage, um sich auch politisch zu profilieren. Die außenpolitische Lage nach Beginn des großen Peloponnesischen Krieges zwischen Athen und Sparta spielte Kleon in die Karten: mit großer Beredsamkeit und Vehemenz führte er einen aggressiven Kurs gegen den Erzrivalen Sparta und eine harte Hand gegenüber den athenischen Bundesgenossen. Solche Töne kamen in der Volksversammlung gut an, wo Kleon ohnedies starken Rückhalt genoss, hatte er doch die Tagsätze für politische Aktivitäten der Bürger deutlich erhöht und die demokratische Mitbestimmung des einfachen Volkes dadurch aufgewertet.

Bei Athens Intellektuellen hatte Kleon keine gute Presse. Der bekannte Historiker Thukydides beschrieb ihn als Kriegshetzer, Demagogen und als vulgär. Kleons Intimfeind aber war ein Mann, der sich durch seinen ebenso genialen wie beißenden Spott die Gunst des athenischen Theaterpublikums erworben hatte: der Komödiendichter Aristophanes. In seinen "Babylo-niern" hatte er die üble Behandlung der athenischen Bündnispartner durch Kleon gebrandmarkt und war von diesem postwendend wegen Verhöhnung von Volk und Ratsversammlung angezeigt worden. Doch Aristophanes gab nicht auf. In seinen "Acharnern" kündigte er an, dass er aus dem Fell des Gerbers "Sohlen für die Ritter schneiden" werde. Diese Ankündigung machte er im Stück "Die Ritter" wahr (424 v. Chr.), in dem Kleon unschwer in der Figur des Paphlagoniers, des obersten Sklaven des Demos (also des personifizierten athenischen Volkes), zu erkennen war.

Dass auf offener Bühne nicht nur einzelne Politiker, sondern das ganze Volk derart lächerlich gemacht werden konnte, zeugt von der liberalen Gesinnung im alten Athen. Kleons Karriere schadete seine "Theaterkarriere" aber nicht: von den Athenern schon im Folgejahr wieder zum Heerführer gewählt, führte er die athenische Streitmacht nach Nordgriechenland, wo er schließlich 422 v. Chr. auf dem Schlachtfeld sein Leben verlor. Damit war der Weg frei für einen Frieden mit Sparta, der allerdings nicht lange halten sollte.