Hat per Mail schon folgende (allesamt nicht zutreffende) Titel verliehen bekommen: Dr, Prof., Dipl. Ing.,Univ. Doz., Gensek. Gerald Schmickl. Wozu da noch studieren? - © Basil Nikitakis
Hat per Mail schon folgende (allesamt nicht zutreffende) Titel verliehen bekommen: Dr, Prof., Dipl. Ing.,Univ. Doz., Gensek. Gerald Schmickl. Wozu da noch studieren? - © Basil Nikitakis

Als ich heuer einen Kollegen per Mail kontaktieren wollte, bekam ich die Nachricht: "während seiner abwesenheit werden sämtliche nachrichten von digitalen piranhas aufgefressen . . ."

Zuerst war ich ein wenig neidisch, solch ein praktisches Raubfischbecken selbst (noch) nicht installiert zu haben, dann wurde mir aber bewusst, was mir in diesem Falle wohl alles entgehen würde, denn es ist - neben lästig - schon auch sehr unterhaltsam, was es einem im Lauf eines Jahres so alles in die Mailbox spült. Daher im Folgenden ein kleines Best-Of diverser digitaler Verlags- und Presseaussendungen aus dem Jahr 2016.

Bleiben wir - Stichwort Piranhas - gleich bei den Tieren. Meine Lieblingstitel aus einschlägigen Büchern: "Halten Sie Ihr Huhn fest!", "Ich belle nur bei Vollmond" (Mailzusatz: "Hunde würden dieses Buch lesen" - vermutlich auch nur bei Vollmond), "Schweine befreien" (aus dem tatsächlich so heißenden Verbrecher Verlag) und "Das Schweigen der Schweine".

Das klingt - Verzeihung- wirklich saublöd. Aber gut, was bisher den Lämmern vorbehalten war, nämlich zu schweigen, sollen halt nun auch die Schweine dürfen.

Bisher galt ja auch - dank Loriot - nur ein Leben ohne Mops als sinnlos. Seit heuer gilt das auch für den Weimarer Klassiker: "Warum ein Leben ohne Goethe sinnlos ist", lautet ein Titel aus der Deutschen Verlagsanstalt (DVA). Und da Lesen laut "Vorsicht Buch!" (die Agentur heißt tatsächlich so, warum auch immer) "der liebste Zeitvertreib im Flugzeug" ist, wie eine Umfrage ergab (gefolgt von aus dem Fenster sehen und schlafen!), ist es keineswegs sinnlos, wenn Buchtitel buchstäblich abheben. Mein Favorit kommt heuer aus der Lebenshilfe-Branche: "Wer sich selbst findet, darf’s behalten".

Da verliere ich mich lieber in der Lektüre der "Apokalypse", die vom Verlag folgendermaßen angepriesen wird: ",Die Apokalypse‘ fasziniert mit einer Bilderwelt von poetischer Schönheit und expressiver Drastik". O wundervolle Untergangslust!

Apropos Ästhetik: "Zentrum für Politische Schönheit" war im heurigen Jahr, das sich auf diesem Gebiet ja nicht besonders hervorgetan hat, ein Agenturname voller Labsal. Im Gegensatz zum - von der politischen Realität eher bestätigten - "Größenwahn Verlag" oder der "Flach Communication".

Schön und passend hingegen fand ich, dass der angekündigte Kurs "Sprache als Handwerk" von Christoph Fasel geleitet wird.

"Sehr geehrter Herr Gerald Schmickl, ich hoffe, meine Mail erreicht Sie bei bester Gesundheit!", war die treuherzigste Anrede, die ich heuer empfangen (und zum Glück wahrheitsgemäß bejahen) durfte. Andere Anreden waren nicht immer so zutreffend: So wurden mir - neben dem inflationären und trotzdem nicht richtigen "Doktor" - per Mail in diesem Jahr folgende Titel verliehen: "Herr Professor S.", "Herr Dipl. Ing. S.". Unübertroffen bleibt freilich die Adressierung aus dem Jahr 2012: "Herrn Univ. Doz. Gensek. Dr. Gerald Schmickl". Wozu soll man da noch studieren?