Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Es ist wohl modern geworden, Idiotien mit einem quasi-analytischen Semantikhammer zu vernageln, wie das Unwort des Jahres, von wem immer dazu erklärt, hübsch anschaulich zeigt. Es bereichert nun den intellektuellen Small Talk: postfaktisch. Und zwar von einem Moment auf den anderen. Offensichtlich hat das irgendwas mit dem US-Wahlkampf zu tun, oder mit neuen Medien, mit halbgaren Twitter-News oder der Gerüchte-Alchimie bei Facebook. Man liest dies und jenes, ohne dass klar würde, was postfaktisch genau heißt. Nun suchen wir also beim Genuss eines laktose- und glutenfreien Achtels Biowein (ich weiß, ich weiß: das hat mit Wein gar nichts zu tun, aber es stimmt doch: das Achtel ist faktisch laktose- und glutenfrei, oder etwa nicht?), woher das Wort kommt, was es heißt. Und was wir ehedem gesagt haben, wenn die Fakten gebogen wurden wie die sprichwörtlichen Balken.

Bullshit, haben wir noch vor kurzem gesagt, um es vorsichtig auszudrücken. Man war mit diesem Wort auch ein bissl näher am natürlichen Verwertungsprozess von, ja was? Halbwahrheiten? Gerüchten? Listig zusammengeschraubten Fakten, die nicht zusammengehören? Auf jeden Fall an Emissionen, die ihre Bedeutung sozusagen ganz von selbst, ohne viel Nachdenken erzeugen.

Dazu gab es schon mal ein Wort, das mit post anfing: "postmodern". Beide Worte sind, um auf Bullshit zurückzukommen, das, was seit Längerem als größtes Rezensentenlob gilt: "leicht verdaulich". So lesen wir über die kompilierten Musterkataloge der meist als Pop- oder Starphilosophen getarnten Feuilletonisten, sie verständen es trefflich, das "Publikum zu fesseln, die Befunde von Wirtschaftspsychologen und Hirnforschern stets leicht verdaulich aufzubereiten und mit anschaulichen Beispielen zu würzen". Man lobt das "herausragende Talent, komplexe philosophische Sachverhalte einfach verständlich darzustellen", betont aber gleichzeitig, dass alles, "von der Neurologie, Evolutionstheorie, Genetik über die Psychologie bis zu den großen Fragen des Lebens klug, witzig, leicht verdaulich" sei.

Jedenfalls das Gegenteil von "wissenschaftlich verquast", "professoral", "Soziologen-chinesisch", also insgesamt "verkopft". Nun will es der Zufall, dass ein zweites Codewort dieses Genre gern als hirngerecht lobt. Eine Schreib- bzw. Recherchemethode, die nur die lohnenden Süßigkeiten verabreicht. Offensichtlich haben auch die Rezensenten die Hirnforschung entdeckt (oder das, was die einschlägige Populärliteratur leicht verdaulich darüber schreibt) und glauben fest an die Herrschaft des evolutionär in den Vordergrund gerückten Belohnungssystems: dass das Hirn ein Hund sei, der stets nach diesen Leckerlis bettelt. Vielleicht wäre es ganz gut, der Sache mit einem leicht verdaulichen Kalenderspruch zu begegnen, hirngerecht verfasst von einem Österreicher:

"Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen". Präfaktisch sozusagen.