Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. - © Daniel Novotny
Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. - © Daniel Novotny

Wie lange hat man nach politischer Fantasie gerufen? Nach der Vorstellungskraft eines Zustands jenseits des Status quo. Wie lange hat man gemeint, wir hätten uns im Status quo eingerichtet? Wenn man derzeit politische Kommentare oder
Analysen liest, dann handeln alle von einem - von Veränderung. Veränderung ist der gemeinsame Nenner aller politischen Großbaustellen. Radikale Veränderungen, Veränderungen, die tatsächlich stattfinden werden.

Und das heißt im Umkehrschluss: Alle Vorstellungen, dass diese Veränderungen nicht stattfinden werden, alle Vorstellungen vom Status quo, der schon irgendwie halten wird - alle diese Vorstellungen sind Illusionen. Der Status quo ist nicht mehr unser Horizont.

So sei etwa die Vorstellung, Trumps Präsidentschaft werde nicht der große Bruch sein, den man befürchte, trügerisch. Meint der ungarische Autor Miklos Haraszti in der
"Washington Post". Sie beruhe auf einer Reihe von Hoffnungen: Trump wäre unfähig zu regieren. Er würde an seinen eigenen Widersprüchen scheitern. Seine Partei werde sich gegen ihn wenden. Oder seine gebrochenen Versprechen. All diese Hoffnungen hält Haraszti für
schädlich weil falsch.

Übersetzt heißt das: Wir können nicht darauf hoffen, dass sich das schon einpendeln wird. Dass die Veränderung nicht stattfinden wird. Wir können also nicht auf die Kräfte der Selbstregulierung setzen.

Dasselbe trifft auch auf die EU zu. Angesichts von Populismen, Nationalismen, Steuerskandalen, Bankenkrise, Brexit und Flüchtlingen gilt für diese: "Es ist aus", so die Politologin Ulrike Guérot. Die "Noch-EU" sei nackt wie der Kaiser im Märchen. Deshalb sind auch alle Vorstellungen eines "Weiter-so" der EU obsolet. Auch diese Veränderung wird stattfinden. Auch hier lässt sich das Weiterwurschteln, das Einrichten in den multiplen Krisen nicht auf Dauer stellen. Die Historikerin Anne Applebaum sagt angesichts einer russisch beeinflussten "populistischen Internationale", die den Glauben an das ökonomische und an das politische System des Westens untergrabe: "Ich kann mir ein Europa vorstellen, dass extrem düster ist. Ein Europa, in dem an vielen Orten die Demokratie endet." Also noch mehr Einparteienstaaten wie Ungarn, Russland oder die Türkei. "Ich kann mir", sagt sie, "das Ende der EU und der Nato vorstellen." Vorstellen ist da das entscheidende Wort. Es bezeichnet genau die Rückkehr der politischen Fantasie, an der es uns so lange gebrach. Jetzt ist sie wieder da. Aber in welcher Form kehrt sie zurück, die politische Vorstellungskraft? Wir können uns wieder Veränderungen vorstellen - aber nur als Bedrohungen, als Untergang.

Das bedeutet nicht nur, dass das Weiter-so immer fraglicher wird -
es bedeutet auch und vor allem, dass Weiter-so keine adäquate Antwort mehr ist. Diese Veränderungen brauchen vielmehr eine Antwort, die selbst eine Veränderung eröffnet.

Das Paradoxe ist - die Lösungen, die Gegenvorschläge sind da. Sie liegen auf dem Tisch. Neuformierung der EU. Transnationalismus gegen alle Formen des Protektionismus. Das Schmieden von Allianzen. Nur - die Leute glauben nicht an diese Lösungen. Anders gesagt - sie können sich diese nicht vorstellen.