Wir sind es gewohnt, dass in der Nacht vom 31. Dezember auf den 1. Jänner überall auf der Welt das Neue Jahr begangen wird. Bei den alten Griechen hingegen hatte jede Polis, also jeder politisch selbstständige Stadtstaat, eine eigene Zeitrechnung. Mehr noch: Viele dieser altgriechischen Gemeinwesen kannten zumindest zwei parallele Zeitwahrnehmungen. In Athen gab der formal höchste Beamte, der Archon Eponymos, dem neuen Jahr seinen Namen. Das so benannte "Amtsjahr" begann stets im Juli und dauerte nur 10 Monate, da Vertreter jedes der zehn politischen Bezirke Athens (Phylen) für jeweils ein Zehntel des Jahres die Regierung führten. Der Festtagskalender hingegen, der sich an den großen Götterfesten orientierte, kannte auch bei den Athenern zwölf Monate.

Kompliziert wurde es, wollte man die Zeitrechnungen mehrerer Poleis in Einklang bringen. Dafür musste man wissen, welche Beamte in den einzelnen Gemeinwesen wann ihr Amt innegehabt hatten. Manche Städte, etwa das kleinasiatische Milet, benannten ihre Jahre auch nach den Priestern bedeutender Heiligtümer. Die hellenistischen Königreiche übernahmen diese Art der Jahreszählung: die Herrscher zogen ihren Regierungsantritt als Berechnungsbasis heran. Die Städte jedoch behielten die eponyme Jahreszählung bei. Sie findet sich noch in der römischen Kaiserzeit, was heutigen Wissenschaftern eine wichtige Datierungshilfe für Inschriften bietet.

Ein Datum gab es dennoch, an dem sich die alten Griechen überregional orientieren konnten: den Zeitpunkt der ersten Spiele im Zeusheiligtum von Olympia. Dieser wurde traditionell im Jahr 776 v. Chr. angesetzt, sodass recht leicht auszurechnen war, bei welcher Olympiade das jeweilige Ereignis stattgefunden hatte.

Auch die Römer zählten die Jahre nach dem für sie wichtigsten Ereignis, der formalen Gründung der Stadt (753 v. Chr.). Das danach errechnete Datum galt dann ab urbe condita, also ab Gründung der Stadt.

Die Römer kannten seit der Frühzeit ein Mondjahr mit zwölf Monaten, aber nur 355 Tagen. Dies führte zu einer immer größeren Diskrepanz zwischen formaler Kalenderzählung und astronomischem Jahreslauf. Beschwerden über die Ungenauigkeit des damaligen Kalenders sind aber kaum überliefert. Dem Geschichtsschreiber Livius etwa waren, wie den meisten Römern, die Differenzen egal. Dies mag darin gründen, dass all jene Tätigkeiten, die eine Ausrichtung nach dem Sonnenjahr verlangten, auch nach diesem abgewickelt wurden: Ein Bauer begann mit den Aprilarbeiten nicht, wenn der Monat gerade April hieß, sondern wenn es nach Wetter und Sternphasen geboten war.

Mario Rausch, geboren 1970, studierte Klassische Archäologie/Alte Geschichte und lebt als freier Publizist in Klagenfurt und Wien.