Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Das Thema hatte zum Jahreswechsel Aktualität. Nicht nur, dass viele mit dem Walzer "An der schönen blauen Donau" ins neue Jahr tanzten, hinzu kam ein Jubiläum: Am 15. Februar 1867 war die Chorfassung erstmals aufgeführt worden. Die inoffizielle Hymne Österreichs wird also 150 Jahre alt. Viele Zeitungen taten sich in ihren Berichten darüber schwer. Wie schreibt man den Walzerkönig: Strauß oder Strauss?

Bis vor kurzem hätte niemand daran gezweifelt, dass Strauß richtig ist. Jetzt propagiert ein Nachfahre, der sich selbst mit -ss schreibt, einen orthografischen Paradigmenwechsel: Die gesamte Familie habe sich immer mit -ss geschrieben. Auf der Website des "Wiener Instituts für Strauss-Forschung" (WISF) breitete er seine Argumente aus.

In Wirklichkeit stellt sich die Sache so dar: Johann Strauß Sohn unterschrieb sich mit langem s und anschließendem runden s. Das war eine Art Parallelschreibung zum schon gängigen scharfen s der Fraktur. Man braucht sich nur die Unterschrift des Walzerkönigs anzuschauen und merkt sofort: Aus dem langen s mit dem anschließenden runden s ist die Ligatur ß geworden.

Eduard Strauss hält hingegen das lange s für ein Dehnungszeichen und führt Familiennamen als Beispiel an. Das kann ich auch. Der Name Weiß wurde oft zu Weihs verballhornt - weil ein Standesbeamter das lange s für ein h hielt. Damals ging es in der Orthografie drunter und drüber.

Ein zweites Argument von Eduard Strauss sind Titelseiten von Notenblättern, in denen der Komponist mit -ss geschrieben wurde. Dies kann zwei Gründe haben: Bei einer Versalschreibung gab es kein ß, daher STRAUSS, und bei einer Kleinschreibung in Antiqua fehlte in vielen Druckereien das lange s - es wurde durch das runde s ersetzt: Strauss.

Auf all das hat der führende Experte für derartige Fragen, Prof. Hermann Möcker, in einer Expertise für die "Österreichische Gesellschaft für Musik" aus Anlass der hundertsten Wiederkehr des Todestages von Johann Strauß hingewiesen, vergeblich. Eduard Strauss erwähnt das Gutachten mit keinem Wort.

Dafür befasst er sich mit der adelungschen und der heyseschen ß-Schreibung. Um es kurz zu machen: Der Germanist Johann Christoph Adelung schlug vor, in zwei Situationen ein ß zu schreiben: erstens nach einem langen Vokal oder einem Diphthong und zweitens am Ende einer Silbe oder eines Wortes: groß und Schloß. Sein Kollege Johann Heyse ließ die zweite Bedingung nicht gelten. Er war für die Schreibungen groß und Schloss. Bei der Rechtschreibreform hat also Heyse über Adelung gesiegt. Aber der Familienname Strauß leitet sich vom Blumenstrauß oder vom Vogel Strauß ab - bei beiden Wörtern galt und gilt die Schreibung mit -ß, nach Heyse und nach Adelung.

Der Beitrag auf der WISF-Website ist nicht gerade ein Ruhmesblatt. Man sollte die Schreibung Strauss - wenn es schon sein muss - anders argumentieren: "Ein ß gibt es nur im Deutschen. Deshalb schreiben wir Strauss; die Englischsprachigen sollen uns im Internet finden."