Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Mit dem Mineralwasser fing es an. Oder war es das Salz? Egal. Beides zählt nun seit geraumer Zeit zu den Statussymbolen der neuen urbanen Distinktionskultivierung, die durch alte Dinge wie Autos kaum noch zu bewerkstelligen ist, auch deshalb, weil man bei Autos ja nie weiß, wie viele Raten noch abzustottern sind, ehe dem, dem man den Status der Marke zuschreibt, das Medium dieses Status auch gehört. Das hat ja nie ein Konzern gewagt: Neben den Chrom-Applikationen auf dem Heck des Fahrzeugs mit Informationen über Hubraum, Antriebsart, Technologie-Gimmicks, PS und eventuelle Sonderausstattungen Hinweise auf den finanziellen Status zu liefern.

Wenn aber eine Flasche Cape Karoo oder 10 Thousand BC serviert wird, dann weiß man, was das kostet (etwa 20 bis 30 Euro), und dass es in der Regel auch bezahlt wird. Die Nummer lässt sich steigern, bis hin zum gegenwärtig teuersten Wasser, irgendwas Japanisches. Nur kennt das kaum jemand. Und Status muss ja auch vermittelbar sein. Da reicht dann durchaus eine mit Steinchen beglitzerte Bouteille der Marke Bling h2o um die 100 Euro.

Bei Salz ist das nicht anders, ich will das nicht weiter ausführen, sonst verlöre sich das jetzt in Betrachtungen über Geschmacksnuancen des Sylter Meersalzes, des Fleur de Sel aus Guérande oder der portugiesischen Variante aus Tavira, das schwarze hawaiianische, das Himalayasalz oder rote Speisesalz mit Eisenoxidverunreinigungen aus Pakistan, und all die Gespräche darüber, bei denen immer einer sagt: Du lieber Himmel, am Ende ist doch alles nur Natriumchlorid. Das ist bereits so normal geworden, dass es irgendwie gezwungen wirkt, weil das ja jetzt schon jeder macht.

Also gilt es, neue Statusträger auszumachen. Das ist nicht einfach. Aber wozu gibt es Kolumnisten, die nichts anderes zu tun haben, als über solche Probleme nachzudenken? Als Ergebnis serviere ich der (und zwar über den Frühstückstisch) geneigten Leserschaft: das Ei. Denn da ist ja auch längst die Langeweile eingekehrt, wenn man darauf hinweist, dass es sich um Bio-Produkte handelt. - Das hat doch schon jeder.

Künftig werden wir Wert darauf legen, von welchen Hühnerrassen die Eier stammen. Einen Lieferanten aufzureißen, der, selbstredend exklusiv, Eier von Brahma Wyandotten besorgt, von Grauen Schotten, Mechelner Kuckuckhühnern, braunen oder weißen Malayen, von Yokohama, Minorka, Anadalusiern, gar von Seidenhühnern oder nur regional verbreiteten Ausgaben wie Ramelslohern, Lakenfeldern, Bergischen Krähern und Thüringer Pausbäckchen! Ganz neue Gespräche würden aufflammen. Über die unterschiedlichen Färbungen der Schalen, das Terroir (!), die regionalen Kräuter und Körner, die man durchschmeckt.

Und lädt man dann noch Gäste zu einer Verkostung ein, wird man im Ranking der Distinktionsgewinnler ziemlich aufsteigen. Natürlich nur, wenn geklärt ist, welches Salz zu welcher Rasse passt.